Sonntag, 13 Dezember 2009

Die Kolumne (14): Alle Jahre wieder

Von Jim-Bob Nickschas

Die Wochen vor Weihnachten sind die wohl sonderbarste Zeit des Jahres. In keinem anderen Monat liegen die Gegensätze so nah beieinander, wird man auf eine solche emotionale Achterbahnfahrt geschickt wie im Dezember. Das Kuriose ist: Obwohl jeder davon weiß, lassen wir uns jedes Jahr aufs Neue vom Weihnachtstrubel mitreißen

Ich habe mich inzwischen schon daran gewöhnt, in einer Stadt zu leben, die das ganze Jahr über von Touristen heimgesucht wird. Auch wenn es anfangs schon sehr befremdlich war, wenn man aus einer Kleinstadt nach Trier zieht. Aber das ist noch gar nichts gegen das, was hier in der Vorweihnachtszeit abgeht. Seit der Weihnachtsmarkt Mitte November eröffnet hat, gibt es für halb Europa anscheinend kein Halten mehr und alle kommen sie her.

Diese Massenwanderung ist ein gutes Beispiel für die Zwiespältigkeit der Vorweihnachtszeit. Einerseits stöhnt die ganze Stadt, wenn sich in diesen Tagen an den Adventswochenenden die Innenstadt mit Tausenden zusätzlichen Gästen füllt, die Parkplätze und Straßen verstopft sind und man sich als Einheimischer nicht mehr ohne den Einsatz von Ellbogen und Stadtguerilla zum Einkaufen begeben kann.

Auf der anderen Seite ist es gerade das, was für uns alle zur Vorweihnachtszeit dazu gehört: Volle Straßen, die Innenstadt im Lichterglanz, der Rummel in den Geschäften, der von Touristen überlaufene Weihnachtsmarkt – wenn das alles nicht wäre, würde uns schon etwas fehlen, glaube ich. Die Adventszeit bringt die ganze Stadt zum Pulsieren, erweckt sie aus dem herbstlichen Einheitsgrau. Schließlich müssen es die Menschen doch merken, wenn die Weihnachtszeit naht.

Ebenso verhält es sich mit den Geschenken. Überall unterhalten sich die Menschen über den alljährlichen Stress, bis zum Fest die Geschenke für alle beisammen haben zu müssen, stöhnen über die Hektik, die sich jedes Mal kurz vor dem 24. breit macht oder über die anstrengende Heimlichtuerei daheim und wünschen sich alle, dass dieses Prozedere bald ein Ende hat.

Doch was wäre die Weihnachtszeit ohne den Geschenkestress? Entspannter vielleicht, aber sicher auch viel langweiliger. Denn wenn wir mal ehrlich sind, macht das Schenken doch eigentlich großen Spaß: Die Suche nach dem richtigen Präsent mag manchmal vielleicht etwas nervenaufreibend sein, doch wenn es dann erst mal so weit ist, ist man froh, dass man etwas gefunden hat, es hübsch einpacken und anschließend so verstecken kann, dass es der bald Beschenkte hoffentlich nicht entdeckt. Ohne diesen Nervenkitzel wäre die Vorweihnachtszeit doch nur halb so spannend, oder?

Genauso bei den Weihnachtsliedern, die jedes Jahr aufs Neue Einzug in die Playlists der Radiostationen halten, die Charts stürmen und in den Einkaufsstraßen hoch und runter laufen: Wenn sich der erste Radiosender wagt, „Last Christmas“ zu spielen, stöhnen die Hörer innerlich auf und denken: Muss das denn schon wieder sein? Doch nur ein paar Wochen später, an einem verschneiten Adventssonntag oder bei einem Bummel über den Weihnachtsmarkt ertappt man sich dann dabei, wie einem genau diese Klassiker wie von selbst über die Lippen kommen, man im Takt leise mitwippt und man sich über den Hit von „Wham“ im Radioprogramm freut.

Und warum das alles? Weil es zu Weihnachten einfach dazu gehört. Weil Weihnachten ohne überlaufene Innenstädte, ohne den Trubel auf dem Weihnachtsmarkt, ohne die vielen Lichter und den ganzen Weihnachtsschmuck, ohne den Geschenkestress, ohne „Last Christmas“ einfach nicht das wäre, was es eigentlich schon immer war und wohl auch immer sein wird: Das schönste Fest des Jahres.

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