Samstag, 05 Dezember 2009
Die Kolumne (13): "Das wächst ja wieder!"
Von Jim-Bob Nickschas
Wenn einer zum Frisör geht, dann kann er was erzählen. Und das gleich in doppelter Hinsicht: Nicht nur, dass die Konversation während des Haareschneidens ein stetig sprudelnder Quell neuer Gerüchte und Tratschgeschichten ist, auch über den Besuch selbst kann man in manchen Fällen später noch einiges berichten. Zumindest, wenn was schiefläuft
Ich hatte eigentlich noch nie Probleme mit dem Frisör. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass meine Haare in dieser Hinsicht nicht sonderlich anspruchsvoll sind: Einfach kürzer schneiden, Konturen nachbessern, fertig. Damit bin ich in der Regel beim Frisör auch relativ schnell fertig. Doch gerade weibliche Kunden scheinen bisweilen vom Pech verfolgt zu sein, was den Besuch eines Frisörsalons angeht.
Julia ist eine sehr gute Freundin von mir. Ihre dunkelblonden, schulterlangen Haare sind ihr besonders wichtig. Ein Grund dafür, warum sie ihre Frisur regelmäßig professionell pflegen lassen möchte. Ihr Problem ist nur: Sie geht immer in die falschen Läden. Und ärgert sich dann hinterher schwarz, wenn wieder mal ein Malheur passiert ist.
Gerade in einer Zeit, in der täglich unzählige neue Frisörsalons aus dem Boden sprießen und die leer stehenden Ladenlokale in den Innenstädten wie eine Plage besetzen, kommt es auf das richtige Näschen bei der Auswahl des zukünftigen Frisörs seines Vertrauens besonders an. Bei einer Vielzahl dieser neuen hippen Hairstyling- Express- Schnippelbuden weiß ich schon beim Blick durch die Fensterscheibe, dass mich dort keine zehn Pferde auf den Frisörstuhl bekommen werden.
Unterbezahlte Hilfskräfte ohne vernünftige Ausbildung und Praxiserfahrung werden auf die ahnungslosen Kunden losgelassen, bloß damit der Preis für den Trockenhaarschnitt unter zehn Euro bleibt. Von der Decke hängt eine glitzernde Diskokugel, anstelle von Spiegeln hängen Flachbildfernseher an den Schnittplätzen und aus den versteckt aufgestellten Lautsprechern kommt der neueste Scheiß aus den Staaten – diese neue Generation von Event-Hairstyling mag vielleicht hip sein, aber die Frisur, mit der man den Laden später verlässt, ist es in den meisten Fällen wohl eher nicht.
Das hat auch meine gute Freundin Julia leidvoll erfahren müssen. Ich hätte ihr zwar schon im Voraus von diesem neuen Hairstylisten abgeraten, aber sie musste es ja unbedingt ausprobieren. Hinterher hat sie mir dann wutschnaubend von der „Frisörin“ erzählt, die sie zuvor noch gefragt hatte, ob der Pony dran bleiben solle (ja, sollte er) und ihn dann zehn Minuten später ohne jede Vorwarnung einfach kaltblütig entfernte. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie Julia vom Frisörstuhl auf- und dem armen Mädel an die Gurgel gefahren sein muss.
Und das war ja nicht das erste Mal, dass ich mir solche Horrorgeschichten anhören musste. Scheinbar haben es viele „Hairstylisten“ nicht so mit dem Zuhören und schneiden buchstäblich an den Wünschen ihrer Kunden vorbei. Und so sehr sie sich darüber auch aufregen mögen: Ab bleibt ab und weg ist weg – „aber das wächst ja wieder!“ Solche Ratschläge von Seiten der Frisör-Fachkräfte machen die Situation allerdings nicht unbedingt besser. Zumindest Julia ließe sich durch so einen Spruch nicht über ihren abgeschnittenen Pony hinwegtrösten.
Die Retter in der Not sind – wie so oft – die Mütter. Die haben immer eine Idee, wie man aus dem passierten Malheur noch eine passable Notlösung machen kann, sodass es hinterher keinem auffällt. Im Notfall macht man abgeschnittene Ponys eben zum Trend der Saison. Zumindest so lange, bis die Haare wieder nachgewachsen sind.
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