Sonntag, 08 November 2009
Die Kolumne (9): Wie war noch mal dein Name?
Von Jim-Bob Nickschas
Das menschliche Gedächtnis ist zweifellos ein Phänomen – allerdings eines mit Macken. Denn manchmal sind wir einfach nicht in der Lage, uns die einfachsten Dinge zu merken. Zum Beispiel die Namen neuer Bekanntschaften: Wie oft habe ich mich darüber in letzter Zeit geärgert. Sind wir vielleicht einfach zu blöd? Eine kleine Analyse der menschlichen Vergesslichkeit
Es ist jetzt ungefähr einen Monat her, dass ich in eine neue Stadt gezogen bin und dort mein Studium begonnen habe. Das bedeutet: Alles zurück auf Anfang. Neue Stadt, neuer Job, neue Leute. Vor allem Letzteres ist natürlich besonders wichtig, sonst sitzt man nach einem halben Jahr immer noch allein in seiner Bude. Und wie macht man neue Bekanntschaften? Genau, man stellt sich einander vor.
Dass dies aber leichter gesagt als getan ist, liegt vor allem an unserer phänomenalen Gedächtnisleistung, gerade neu gelernte Namen innerhalb von Nanosekunden wieder aus unserem Kopf zu streichen. Ich kann mir das ehrlich gesagt selbst kaum erklären. Da meine Kommilitonen laut eigener Aussage genau das gleiche Problem haben, kann es sich dabei nur um eine Form kollektiven Vergessens handeln.
Wie oft musste man sich in den letzten Wochen anderen Menschen vorstellen! Beinahe täglich trifft man auf neue Leute, in der Vorlesung, im Seminar, in der Mensa, auf Partys oder Kneipentouren. Und immer wieder steht man vor demselben Problem. Wie stelle ich’s an, das mit dem ersten Gespräch? Beliebt sind natürlich die Standartfragen: Was studierst du, woher kommst du, wie gefällt’s dir hier etc.?
Und irgendwann kommt natürlich auch die Frage nach dem Namen. Schließlich will man ja wissen, mit wem man sich da die letzten Minuten unterhalten hat. Und jedes Mal, wenn der andere sich vorstellt, nehme ich mir fest vor, mir den Namen diesmal wirklich zu merken. Ich schaue den Leuten dabei gerne ins Gesicht, in der Hoffnung, ihren Namen so besser mit der Person in Verbindung bringen zu können. Doch manchmal ist es scheinbar zwecklos, schon wenige Minuten danach fällt mir der Name partout nicht mehr ein.
Das trifft natürlich nicht auf hundert Prozent der Fälle zu, manche Namen kann ich mir schon gut merken. Vor allem bei Leuten, denen ich auch fast täglich begegne. Aber die Veranstaltungen laufen nun mal alle wöchentlich und so sieht man die neuen Leute bisweilen auch nur alle sieben Tage. Dass es einem da schwer fällt, sich noch an ihren Namen zu erinnern, dürfte eigentlich nicht verwundern.
Das Gedächtnis ist ein Sieb
Und doch ist es wirklich bemerkenswert. Das menschliche Gedächtnis ist ein Sieb und alles, was zu klein oder unbedeutend oder für den Moment unwichtig erscheint, fällt unten durch. Darunter scheinen auch die Namen neuer Bekanntschaften zu sein. Und so stehe ich immer wieder vor der Herausforderung, mit diesen Leuten zu kommunizieren.
Manchmal frage ich einfach noch einmal nach. Mit einem verlegenen Lächeln und dem Hinweis darauf, dass man zurzeit ja immer so viele neue Leute kennenlernt, kommt das Geständnis, den Namen seines Gegenübers vergessen zu haben, in den meisten Fällen ganz sympathisch rüber. Und manchmal ist der andere über dieses neue Angebot auch sehr erleichtert und fragt ebenfalls noch einmal nach meinem Namen. So ergibt sich das dann alles viel leichter als gedacht.
Für die schnelle Konversation für zwischendurch hingegen braucht es oft auch gar keine Namen. Da reicht dann ein „Du“ vollkommen aus, um sich zu verständigen. Nur wenn man dem anderen etwas zurufen will, wird es etwas schwieriger. Mit einem laut durch den Raum gebrüllten „Ey!“ erreicht man dann zwar die Aufmerksamkeit aller (und auch die des gewünschten Gesprächspartners), kommt aber gleichzeitig auch etwas ungehobelt und respektlos rüber. Es ist und bleibt ein Teufelskreis …
Das menschliche Gedächtnis ist wirklich ein Phänomen. Mal funktionierts, mal setzt es für kurze Zeit aus. Für den Fall der Fälle bleibt uns leider nur die Möglichkeit der nochmaligen Nachfrage. Denkt an das verlegene Grinsen, die entschuldigend zuckenden Schultern und seid ehrlich: „Ähm, sorry, aber wie heißt du noch mal?“
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