Sonntag, 20 September 2009

Plattenteller: Stefanie Heinzmanns „Roots to Grow“

Von Sylia Heiberg

Schon wieder eineinhalb Jahre um? Tatsächlich. Eine kleine Ewigkeit in den Maßstäben des Showbiz ist es schon wieder her, seit die damals 18-jährige Stefanie Heinzmann die als Nicht-Casting deklarierte Castingshow von Stefan Raab gewonnen hat und damit schnell mal zur Ikone aller mitteleuropäischen Nicht-Tussis wurde.

Nun können im Grunde genommen viele der Mädels, die sich da öffentlich den Jurys stellen, singen. Nur zugeben darf man es nicht. Wer sich im medial erwünschten Glitzerfummel zum Obst macht, gilt als uncool. Für Stefanie Heinzmann galt das zum Glück nie. Praktischerweise trug die Show, die sie gewann, einen ironischen Untertitel und sie, die Gewinnerin, eine Brille. Damit ist man automatisch von jedem Tussenverdacht freigesprochen, und deshalb scheint die Schweizerin nun tatsächlich so etwas wie Karriere zu machen.

Obwohl die Mischung aus Wahnsinnsstimme und Girl-Next-Door-Attitüde unzweifelhaft bestimmend für ihr Image und damit die Karriere ist, promotet sie ihr neues Album „Roots to Grow“ so trotzig um die uralte Aussage „Ich bin ich und niemand wird mich ändern“ herum, als würde sie ständig mit entsprechenden Forderungen konfrontiert. „No One Can Ever Change My Mind“ heißt jedenfalls ihre aktuelle Single, die in ihrer Überambitioniertheit etwas kalkuliert wirkt. Paradoxerweise kommt der Song genau in jenem poppigen Up-Tempo-Stil, der einem hüftwackelnde Girls in Miniröcken vors innere Auge ruft.

Das Album bietet nicht wenig. Natürlich sind da auch die üblichen Platzhalterssongs wie „I Don't Know How to Hurt You“, mit denen man so ein Album eben voll kriegt und seine Kräfte für die echten Kracher schont. Doch ansonsten präsentiert die Künstlerin sich recht stark. Im Opener „Bag It Up“ ist sie so stimmgewaltig, dass mir sofort Joss Stone einfällt. Nachdem mir dieser Vergleich etwas übertrieben scheint, spicke ich bei den Kollegen von laut.de und stelle fest, dass denen die gleiche Idee kam. Na dann.



Eine nicht-jossige, aber ebenfalls beeindruckende Facette ihrer Stimme zeigt Stefanie Heinzmann in „No Reason“. „Unbreakable“ klingt etwas platt und wie die Titelmelodie einer mundartlichen Ärzteserie. Ein echtes Highlight hingegen ist der Titelsong „Roots to Grow“, bei dem sie mit einem lazy Reggae-Duett mit Kollege Gentleman überrascht. Ebenfalls auf dem Album zu finden ist mit „How Does It Feel“ die Herzschmerzballade des Jahres. Streicher und eine tränenerstickte Stimmführung verheißen Ohrwurmalarm. Das Schicksal dieses Songs ist schon jetzt besiegelt: In Tausenden zukünftigen Castingshows werden Millionen von 16-jährigen ihn den Juroren vorsingen. Sie werden vermutlich Glitzertops dabei tragen.

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