Mittwoch, 30 Dezember 2009
Glaube: Im Schweigen Stärkung finden
Von Sonja Hartwig und Kilian Trotier
Mehrere Male im Jahr ruft die ökumenische Gemeinschaft zu Jugendtreffen rund um den Globus. So auch in das ungarische Pecs. In Europas Kulturhauptstadt 2010 suchen die Teilnehmer Antworten auf ihre Fragen – auch in der Stille des Gebets

Sie stehen Schlange, ohne zu wissen, was ihr Ziel ist. Sie sind auf der Suche, vielleicht nach einem Gespräch. Oder wollen sie beten? In zwei Reihen stehen sie da, einige schreiten langsam voran, verharren einen Moment. Andere rutschen auf den Knien, betrachten ihren nächsten Halt, das Kreuz, mit hoffnungsvollem Blick. Bis zur Dreipunktelinie, von der sonst die Basketballer der ersten ungarischen Liga ihre Körbe werfen. Dann halten sie und warten, bis sie an der Reihe sind. Bis Platz ist, um den Kopf zu neigen, Lasten abzuladen. Sie sind gekommen, um abzugeben, aufzubrechen.
Still ist es in der Sporthalle, in der rund 3000 Jugendliche auf dem Boden hocken, still ist es in der Schlange, an deren Ende drei Brüder in weißem Gewand sitzen, still ist es um das Kreuz, um das acht Gläubige knien, den Kopf gesenkt, die Hände gefaltet. Stille, in der sie abschalten. So wie der 28-jährige Andras Hodasz, der seinen Kopf leert, mit der Seele zu Gott spricht, ganz ohne Worte. „Wie wenn man mit seiner Freundin still auf dem Bett liegt ohne zu reden.“
So wie die 19-jährige Blanka Beres, die über ihre Fehler reflektiert und den Fokus ihres Lebens. Oder wie der gleichaltrige Robert Bertoti, der an die vielen Nationen denkt, Kroaten, Polen, Slowenen, Serben, Ukrainer, Bosnier, die in das Land gekommen sind, nach Ungarn, wo die christliche Botschaft durch eine neue Welle von Rechtsradikalismus und Antisemitismus herausgefordert wird. Sie treffen sich in Pecs, einer 160 000-Einwohner-Stadt im Süden des Landes, eine Station auf dem sogenannten Pilgerweg des Vertrauens, der von der Communauté de Taizé im französischen Burgund nahe Cluny ausgeht. Mehrere Male im Jahr ruft die ökumenische Gemeinschaft, der um die 100 Brüder angehören, zu Jugendtreffen rund um den Globus. Um Hoffnung zu geben, Völker miteinander zu verständigen, ohne dabei ein politischer Resonanzkörper zu sein. 2009 ebenso wie vor 20 Jahren, am 2. Mai 1989.
Drahtscheren fressen sich durch den 354 Kilometer langen Grenzzaun zwischen Österreich und Ungarn. Soldaten fügen dem Eisernen Vorhang eine erste tiefe Wunde zu. Gleichzeitig sind in Pecs 20 000 Menschen ins Gebet versunken. Es war das erste Taizé-Treffen in Ungarn, das erste, zu dem Jugendliche aus Ost- und Westeuropa gemeinsam strömten. Er denke an diese Tage immer wieder zurück, sagt Frère Alois, Prior der Bruderschaft von Taizé, nach dem Kreuzgebet, einer dreistündigen Stille, durchbrochen von spirituellen Gesängen.
Vor 20 Jahren ist Frère Alois drei Monate lang durchs Land gefahren, hat für Taizé geworben, hat Jugendliche angestoßen und mitgerissen. Gegenüber der Sporthalle prangte damals noch ein Leninplakat, und in den Schulen war Marx Pflichtlektüre. Das Treffen ist Geschichte. „Aber eine Geschichte, die Teil meines Lebens ist, und die uns zweierlei sagt: Ereignisse sind nicht berechenbar, Hoffnung ist nicht naiv.“
Hoffnung. Immerfort fällt dieses Wort während des Treffens, in offiziellen Reden, in kleinen Runden: „Ich habe die Hoffnung, dass die Probleme in der Welt ohne Waffen gelöst werden“, sagt Robert. „Hoffnung, dass ich trotz Stress meine Lebenswurzeln sehe“, sagt Blanka. „Hoffnung, das ist der Glaube an Gott und die Auferstehung, die jede weltliche Hoffnung umschließt und voraussetzt“, sagt Andras.
Blanka, Robert und Andras: Drei Ungarn, aus verschiedenen Richtungen des Landes kommend, die alle in die Hauptstadt zogen. Dort studieren sie Internationale Beziehungen, Maschinenbau und Theologie. Drei Ungarn, die zum Taizé-Treffen in Pecs fuhren, um Stille zu suchen. Stille in einem Land, in dem die Auswirkungen der Wirtschaftskrise viele Lebensträume zerstörte, in dem Europas rechtsradikale Parteien auf Initiative der rechtsextremen ungarischen Partei Jobbik, die mit drei Abgeordneten im EU-Parlament sitzt, sich zu einem Bündnis zusammenschlossen. In dem Minderheiten, wie Zigeuner, beleidigt, angepöbelt, umgebracht werden.
In Pecs sind Zigeuner die größte Minderheit, mit eigener Selbstverwaltung, eigenen Festivals. Wie überall im Land haben sie aber noch immer mit vielen Vorurteilen zu kämpfen: „Ich lasse meine 18 Jahre alte Schwester im Dunkeln nicht allein nach Hause gehen“, sagt Robert. In der ungarischen Nation haben die Zigeuner ihren Raum nie gefunden, im Taizé-Programm bekommen sie immerhin für eineinhalb Stunden Platz, im Workshop mit dem Titel „Die Spiritualität der Zigeuner“.
Samstag, 15.30 Uhr. Kocsis-Laszlo-Raum, im Nebenbau der Kathedrale. Der gedrungene Kuppelsaal ist überfüllt, Stühle werden herangeschleppt. „Wer spricht Ungarisch?“, fragt der Redner, der mit langem weißen Rauschebart und blauem Strickpulli wie ein Seemann wirkt, zurückgekommen von einer ereignisreichen Expedition. Zehn Finger gehen langsam in die Höhe. Als ob die, die sich hier versammelt haben, nicht auffallen, unerkannt den Abenteuergeschichten lauschen wollen. Von den Begegnungen mit den Roma, die zunächst, wie er sagt, einfach seltsam waren und ihn dann aber lernen ließen, dass Roma „normalerweise nicht so sind, wie alle denken“.
Seit 30 Jahren ist Jozsef Lanko Priester in Alsoszentmarton, einem kleinen ungarischen Zigeunerdorf, eine Dreiviertelstunde mit dem Auto von Pecs entfernt, kurz vor der kroatischen Grenze. „War es einfach, mit ihnen Freundschaft zu schließen?“, will jemand wissen. „Ja, ich hab es schon nach drei Jahren geschafft.“ Gelächter. Lanko spricht über ihre Feste, ihr Familienleben, ihr Füreinanderdasein.
Es ist Aufklärungsarbeit in einem Land, das in eine schwere Vertrauenskrise geraten ist. „Politik und Krise – was hat das denn mit unserem Alltag zu tun?“, Andras durchbricht das verständnislose Schweigen seiner Diskussionsgruppe. 13 Jugendliche auf Klappstühlen, ihr Thema: Freundschaft. „Wo ist die Verbindung?“, drückt Blanka das aus, was allen anderen als großes Fragezeichen im Gesicht steht. Sie sitzen auf einer kahlen Orgelempore, in der Palos-Kirche im Norden von Pecs und schauen ungläubig. Zehn Ungarn, die nicht der Meinung sind, dass Politisches und Privates zusammenhängen, die nicht verstehen, wieso in den deutschen Zeitungen so viel über die rechtsradikale Partei Jobbik geschrieben wird, die schmunzeln, wenn sie nur den Namen dieser Gruppierung hören.
„Mondjon le“, ruft Andras. Alle anderen lachen über den immer wiederkehrenden Schlachtruf, den Protestgruppen vor dem Parlament skandieren. Für die große Politik, erklärt Andras, habe er nicht viel übrig. Es sei seine Pflicht, wählen zu gehen, mehr nicht. Stattdessen wolle er im Kleinen zurückgewinnen, was im Großen verloren gegangen ist. „In meinem Alltag möchte ich Menschen in meiner kleinen Stadt helfen.“ Es ist ein Plädoyer für stille Alltagspolitik, aus der etwas erwachsen soll. Eine Haltung, die das große Getue nicht ernst nehmen kann. Vor allem nicht bei einem Treffen, dessen Teilnehmer in sich gekehrt sind, bei dem die Gegenwart angesichts der Erinnerung an große politische Ereignisse verblasst. Die Tage des Gedenkens in diesem Jahr drängen sich. Vor 20 Jahren war das erste Taizé-Treffen in Pecs, vor 53 Jahren der Beginn des ungarischen Volksaufstands gegen die kommunistische Übermacht der Sowjetunion. Panzer walzten ihn nieder. Es waren Tage der Hoffnung und der Trauer, Tage der Freude und der stummen Anklage.
„Ich kann das Treffen im Frühjahr 1989 nicht vergessen, wir hatten eine Vorahnung von Freiheit, die uns erfüllte“, sagt Frère Alois. Es war wie ein stummer Schrei, den die Jugendlichen von heute nur aus dem Fernsehen, von Erzählungen kennen. Sie, die Generation grenzenlos, stand nicht mehr vor dem Eisernen Vorhang, sah nie rollende Sowjetpanzer. Jugendliche sollten diese Geschichte nicht vergessen, sagt der Prior von Taizé, die Kenntnis müsse bleiben. „Aber wir müssen in die Zukunft blicken, denn es ist nicht alles leicht, wenn man die Freiheit hat. Doch ich habe die Hoffnung, dass die Freiheit diesem Land wieder mehr Lebensqualität gibt.“
Lebensqualität, ein Wort über das die Jugendlichen selten nachdenken, erst nach einiger Zeit der Stille eine Antwort finden. „Wir brauchen bessere Bildung“, sagt Robert, „finanzielle Unabhängigkeit“, sagt Blanka. Andras ergänzt: „Jedes Leben hat dieselbe Qualität, weil jeder Mensch eine Kreatur Gottes ist.“ Drei Jugendliche, deren geistige Stärkung aus der Stille kommt. Sie stehen Schlange. Für eine bessere Bildung an der Uni. An der Bank, um ein Konto zu eröffnen. Und ebenso am Kreuz. Sie stehen Schlange, um Stille zu hören. Um still zu reden.
Treffen von Taizé
30.000 Jugendliche aus Europa und anderen Kontinenten werden sich vom 29. Dezember bis 2. Januar auf Einladung der Gemeinschaft von Taizé im polnischen Posen treffen. Seit 1978 organisieren die Brüder diese fünftägigen Treffen. Diese sind Teil des „Pilgerwegs des Vertrauens“, den Frère Roger vor 30 Jahren angeregt hat. Zum Treffen in Posen wird Frère Alois, Prior der Gemeinschaft, einen „Brief aus China“ veröffentlichen, der in 50 Sprachen übersetzt wird. Taizé steht seit mehr als 20 Jahren mit Christen in China in Kontakt. Als Geste der Freundschaft und Verbundenheit wurden in diesem Jahr eine Million Bibeln in Chinesisch gedruckt und in dem Land verteilt. Frère Alois ist erst kürzlich von einem dreiwöchigen Aufenthalt in China zurückgekehrt. (Rudolf Zewell)
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Foto: Thomas Bastar
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