Freitag, 21 Mai 2010
ÖKT 2010: Party des Glaubens
Von Heidemarie Winter-Lehming
Sie hören von Liebe und denken an die Scheidung ihrer Eltern. Sie sprechen von ihrer Angst, von fehlendem Rückhalt in der Familie, von ihrem Platz in einer kalten Welt. Sie sehnen sich nach Gemeinschaft und großen Gefühlen.

Die Psalmen gerappt, die Bibel im Hip-Hop-Stakkato – es hat was. Und „Volxbibel AT“ aus Köln beherrscht die Performance. Das müssen auch die feststellen, die, jenseits der 50, eine Veranstaltung auf dem Ökumenischen Kirchentag besuchen, die sich mit der Zukunft der nachwachsenden Generation befasst. Insgesamt gesehen ist die Jugend jedoch eher eine Randerscheinung in den fünf Tagen in München. Nicht selbst verschuldet, nicht „null Bock“, sondern beiseite gedrängt von den gewichtigen Themen der Erwachsenenwelt und ganz konkret „ausgelagert“ mit ihren Zeltdörfern und Konzerten ins Olympiazentrum. Denn die Wise Guys (40 000 kommen zu ihrem Konzert), Nena und die Rockgruppe mit Notker Wolf, dem Erzabt der Benediktiner, sind nur bedingt als Vertreter der jungen Generation anzusehen.
Das Thema „… weil wir Hoffnung haben“ auf einer der Veranstaltungen am Messegelände wirft viele ernste Fragen auf, auch wenn Matthias Sellmann, Professor für Soziologie und Theologie aus Bochum, seinen Impuls unter das Motto stellt: „Ihr habt echt was drauf.“ Und sie haben einiges drauf, die fünf jungen Leute auf dem Podium. Sie sprechen von ihrer Angst, dass sie keinen Rückhalt mehr haben in der Familie, dass sie ihren Platz in der Welt nicht finden, dass sie die Anforderungen in der Schule, in der Uni nicht packen und dass, so ein junger Mann, die Nazis wieder stark werden könnten. Angst hat er davor – als Deutscher!
Sellmann findet das, was hier zur Sprache kommt, erschreckend. Und er konstatiert eine „paradoxe Wirklichkeit, in der kognitive Sammelbegriffe versagen: Promovierte fahren Taxi, Alte wollen immer jünger werden.“ Klare Begriffe, so der Soziologe weiter, ziehen kein eindeutiges Verhalten mehr nach sich. Die Jüngeren hören Sonne und denken Ozon; sie hören Schönheit und denken Fettabsaugen; sie hören Weltrekord und denken Doping; sie hören Liebe und denken Scheidung; sie hören Islam und denken Terrorismus. Und als ob allen noch nicht dämmert, dass jung sein heute kein Zuckerschlecken ist, schwärmen der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Hermann Kues, und der evangelische Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider von ihrer Jugendzeit, vom stressfreien Studium und von der heilen Welt durch die Erinnerungsbrille.
Natürlich wissen auch sie, was im Argen liegt, nämlich ein Bildungssystem, das den Bedürfnissen der Wirtschaft angepasst ist, ein „Nützlichkeitsdenken“, soziale Ungerechtigkeit und fehlende Vorbildfunktion der Erwachsenen. Natürlich will man es angehen, das Schulsystem, „aus dem 20 Prozent entlassen werden, die nicht in der Lage sind, ihr Leben zu gestalten“. Aber es ist klar, dass die Sprache des Establishments – nicht nur in der Kirche – „nicht Hartz-IV-kompatibel“ ist.
Die vielen jungen Leute, die tatsächlich noch hineinströmen ins Messegelände, die sich vom Zentrum Jugend auf den Weg in die Hallen machen, haben entweder die Helfer-Tüchlein um den Hals, besuchen ihre Gruppen und Organisationen, mit denen sie gekommen sind, werden über die gigantischen Ausmaße von Aids in Afrika informiert oder leben einfach ihre Ökumene wie zu Hause auch, bunt gemischt und ohne konfessionelle Berührungsprobleme – weil sie eben Hoffnung haben. Nur, was kommt nach Kommunion und Konfirmation, wie treten sie an den Tisch des Herrn? Offensichtlich ist das nicht ihr Problem.
Viele Gruppen, Organisationen, wie die Jugendarbeit Hohe Luft aus Bad Hersfeld, werden ökumenisch betreut, legen den Schwerpunkt ihrer Jugendarbeit zunächst aber auf soziale Aspekte. Konfessionelle Zugehörigkeit ist kein Auslesekriterium. Alle Interessierten werden eingebunden, übernehmen ehrenamtliche Tätigkeiten, engagieren sich, so weit es die Schule zulässt. Egal, mit welchen Jugendlichen man sich unterhält, die Kirchenzugehörigkeit ist ihnen nur ein Halbsatz im Gespräch wert: „Ach ja, wir sind evangelisch.“ Unorganisiert sammelten sich Musikgruppen wie Ten Sing, eine christliche Jugendkulturarbeit innerhalb des CVJM, und machten ihre Musik.
Immerhin: Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Dirk Tänzler, findet, dass junge Menschen das Bild dieses Ökumenischen Kirchentages geprägt haben. „Dass mehr als 47 000 Teilnehmende unter 30 Jahren waren, zeigt, dass Ökumene in Deutschland ein junges Gesicht hat.“
Das Programm sei ein stimmiger Mix aus Party, Gebet und wichtigen Themen gewesen, so Tänzlers Bilanz. Und die Ungeduld, die Ältere umtreibt? Da ist sein Befund eindeutig: „Mit dem Vorantreiben der Ökumene warten wir nicht auf das gemeinsame Abendmahl. Das ist zwar ein wichtiges Ziel, und wir wünschen uns, dass es da bald vorangeht. Viel wichtiger ist es, auf dem Weg dahin Themen wie Jugendarmut, Zukunft der Kirche und damit die Gegenwart Gottes in der Gesellschaft gemeinsam anzugehen.“
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© Foto: Friedrich Stark/epd
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