Montag, 11 Januar 2010
Porträt: Tonsur statt Tornister
Von Hans Christof Wagner
Der Bundeswehrgefreite diente in Afghanistan. Dort ermutigte ihn die muslimische Religiosität, seinen christlichen Glauben konsequent zu leben. Als Benediktinermönch Longinus wirkt er fortan im Kloster Beuron und schreibt ein Buch über seinen Wandel

Er hat sich immer nach Geborgenheit gesehnt. Äußere Zeichen der Zugehörigkeit sind ihm wichtig. Tunika, Zingulum, Skapulier – wunderliche Namen. Sie bezeichnen die Bestandteile seiner Uniform, es ist der schwarze Habit eines Benediktinermönches. „Bei der Arbeit ziehe ich das Skapulier aus, um es zu schonen“, sagt Bruder Longinus. Es ist noch nicht lange her, da trug er eine andere Uniform, einen Tarnanzug, und auf dem Namensschild über seiner Brust stand ein anderer Name: Beha, Frank Beha, Gefreiter der Bundeswehr im Auslandseinsatz in Afghanistan. Er heißt jetzt Longinus. Den Namen hat sein Abt für ihn ausgewählt. Longinus war der römische Legionär, der Jesus am Kreuz seine Lanze in die Seite stach, sich später taufen ließ und als Missionar den Märtyrertod fand. Bruder Longinus Beha steht als Autor auf dem Einband. Ein 29-Jähriger schreibt seine Biografie: „Ab morgen Mönch. Ein Afghanistansoldat geht ins Kloster“, in die Erzabtei St.Martin in Beuron auf der Schwäbischen Alb.
Zum Gespräch kommt er aus der Werkstatt. Seine Brillengläser sind mit Staub und feinen Holzspänen bedeckt. Er erzählt, er baue sich gerade ein altes Dampfradio, das nicht mehr funktioniert, zu einem CD-Player um. Sein rotblonder Bart ist kraus und lang, gewachsen in Afghanistan. Die „Rasurbefreiung“ vom Truppenarzt bekam er, weil er unter einer empfindlichen Haut leidet, die sich leicht entzündet. Dann merkte er, dass ein behaartes Gesicht bei den Afghanen Respekt einflößt und Vertrauen weckt. „Wenn wir auf Patrouille an einen Ort kamen, an dem man uns noch nicht kannte, sind die Honoratioren immer erst zu mir gekommen, weil sie mich wegen meines Bartes für den Anführer hielten“, heißt es im Buch.
Ein Afghanistansoldat geht ins Kloster: Der Untertitel weckt beim Leser Assoziationen – falsche. Als wäre Beha am Hindukusch etwas Traumatisches passiert, das ihn bewogen hätte, der Welt Lebewohl zu sagen, psychisch angeknackst, wenn nicht gar gebrochen. Der Klappentext legt noch einen drauf: „Spätestens in Afghanistan ändert sich für den Abenteurer, der nicht viel mit Gott am Hut hat, alles.“ Wer denkt da nicht an einen zum Softie gewandelten John Rambo. Dabei wollte ihn sein Hauptfeldwebel nicht einmal Unteroffizier werden lassen, weil er fand, dass ihm die „Führungsautorität“ fehle. Im Grunde stimmt auch schon der Buchtitel nicht. Frank Beha ist nicht von einem Tag auf den anderen Mönch geworden, er wurde nicht vom Saulus zum Paulus, es gab kein Damaskuserlebnis. Bei ihm war es ein langer Reifungsprozess.
Tatsächlich hatte er schon sehr viel „mit Gott am Hut“, als er im Herbst 2004 mit seiner Einheit nach Afghanistan aufbrach. Soldatenexerzitien in Beuron und Wallfahrten nach Lourdes gingen dem Einsatz voraus. „Mich hat diese Religiosität von Anfang an in ihren Bann gezogen“, schreibt er. Er meint damit die muslimische. Ihm gefiel, welche Wertschätzung die Afghanen einem gläubigen Menschen entgegenbringen. Als er vom Hindukusch zurückkehrte, stand für ihn fest: Meine Zukunft liegt im Kloster. Es der Familie zu sagen ist wohl eine Art Coming-out. Doch um ihr Verständnis musste er gar nicht kämpfen. Seine Schwester meinte: „Warum nicht, irgendwie passt das zu dir.“ Auch der Vater stand dahinter. Nur die vom Vater geschiedene Mutter haderte damit. Sie hat es bis heute höchstens akzeptiert.
Postulat, Einkleidung, Noviziat, zeitliche Profess, ewige Profess – das sind die Stationen des Übertritts in die klösterliche Welt. Die ewige Profess steht bei ihm im Sommer 2010 an. Versprechen wird er Armut, Keuschheit und Gehorsam. Wenn der Konvent, die Versammlung der Brüder und Pater, und der Abt mitspielen, ist es ab nächstem Jahr ein Engagement auf Lebenszeit. Von ihm aus ist alles klar. Er hat keine Zweifel daran, dass er „wahrhaft nach Gott sucht“, wie es eine der insgesamt 73 Benediktinerregeln verlangt. Fest entschlossen sei er, berufen fühle er sich. Er sagt: „Wenn es nach mir geht, bleibe ich hier für den Rest meines Lebens.“ Und wenn der Orden nicht will? Sie haben ihm zwar keinen roten Teppich ausgerollt, aber so einen lässt man doch nicht mehr vom Haken. So hat auch sein Buch den Segen des Abts gefunden. Jemand mit Behas Werdegang taugt zum Werbeträger, gerade weil er weder Rambo noch Heiliger ist, sondern irgendwo dazwischen. Einer, der auf „Star Trek“ steht und den Monty-Python-Film „Das Leben des Brian“ für lustig und nicht für blasphemisch hält.
Die Zeiten, in denen der Weg eines Kindes ins Kloster schon von klein auf feststeht, sind lange vorbei. Und auch bei Frank Beha deutete als Kind und Jugendlicher nichts darauf hin, dass er einmal eines Tages seine bürgerliche Existenz abstreifen würde. Sicher, da waren die katholische Erziehung und der sonntägliche Kirchgang. Taufe, Erstkommunion, Firmung – das volle Programm. Aber das gehörte im Schwarzwald, wo er herstammt, zum guten Ton.
Am 26. Mai 1980 kam er zur Welt und wuchs auf einem abseits gelegenen Bauernhof auf. Unter der Trennung der Eltern litt er, bloß nicht auffallen war sein Motto. Introvertiert, schüchtern, zurückhaltend, gern allein und in der Natur– so beschreibt er sich. Da gibt es auch über eine Begegnung mit einem Mädchen zu lesen, mit neun Jahren. Sie hieß Diana und war seine Klassenkameradin. Sie schrieb in sein Poesiealbum: „Lieber Frank, in meinem Herzen habe ich Platz für alles mögliche Getier. Ich liebe Pferde, Hund und Katz, jedoch am meisten dir“. Trotz dieser eindeutigen Zeilen gab sie ihm einen Korb. Eine „Wunde“ habe dieses Erlebnis in ihm hinterlassen. Dem Buch nach ist es seine erste und einzige Begegnung mit dem anderen Geschlecht.
„Sichere Strukturen kommen meinem Wesen sehr entgegen“, schreibt er. Sicherer könnten sie in einem Benediktinerkloster kaum sein. 17.50 Uhr: Bruder Longinus huscht leise um den Altar und zündet Kerzen an. „Ich bin heute Türsteher“, sagt er. Gleich werden seine Mitbrüder einziehen, und sein Job ist es, sie einzulassen. Um Punkt 18 Uhr betätigt er die Glocke. Die Mönche schreiten paarweise zum Chorgestühl, um die Vesper zu zelebrieren. Bevor sie sich setzen, wenden sie sich stehend zum Altar hin. Psalmen auf Latein, Oration, Hymnus, Magnificat – der Ablauf ist immer gleich und bis ins Kleinste festgelegt. Vesper ist einer der sechs Termine im Alltag der Benediktiner: Laudes oder Morgenhore, Terz, Hochamt, Mittagshore, Vesper, Komplet. Gegen acht Uhr herrscht schon Nachtruhe. Dafür stehen die aktuell 60 Mönche aber auch schon in aller Herrgottsfrühe auf – die Morgenhore beginnt um fünf.
Ora et labora (Bete und arbeite) ist die Regel der Benediktiner. Bruder Longinus’ Arbeitsbereich ist die Werkstatt. Bastler war er immer schon, nach der Schule hat er Elektriker gelernt. Ein Mitbruder hat ihm einen kaputten Ventilator hingestellt, er soll ihn reparieren. Sein Reich ist eine gigantische Rumpelkammer. Dabei, sagt er, habe er schon ausgemistet. Alte Telefone, Tonbandgeräte, Staubsauger stehen herum, die Regale sind voll mit Glühbirnen, Schaltern und Kabeln. „Wir Mönche tun uns einfach schwer damit, etwas wegzuwerfen“, sagt er.
Auch das alte Röhrenradio, das er gerade zum CD-Spieler umbaut, hätten andere längst entsorgt. Aber ihm hat es die besondere Optik angetan. Im Flur, dort wo die Mönche immer ihre Sachen zum Reparieren abstellen, steht auch sein Fahrrad. Das nimmt er, um die rund drei Kilometer zur Donau zu fahren, an den markanten weißen Kalkfelsen der Schwäbischen Alb vorbei, die hier der „schwäbische Grand Canyon“ genannt wird.
Das klostereigene Wasserkraftwerk, das er betreut, ist sein Ziel. Es wurde gerade für zweieinhalb Millionen Euro erneuert. Mit den Einnahmen aus der Stromeinspeisung decken die Beuroner Mönche einen Teil ihrer Kosten. „Ein Elektriker geht ins Kloster“ – mit dem Untertitel hätte wohl kein Verlag dieser Welt seine Geschichte gekauft. Das ist ihm klar, so entrückt ist er nicht. „Ohne meinen Afghanistanaufenthalt gäbe es dieses Buch wohl nicht“, sagt er. Nun ist die Tatsache, dass sich heute ein junger Mensch überhaupt entschließt, ins Kloster zu gehen, bemerkenswert. Aber nach außen gedrungen wäre das wohl nicht. Dabei hat er das Buch gar nicht selbst vorangetrieben. Den Stein ins Rollen brachte ein Journalist, der 2007 einen Bericht über das Kloster verfassen wollte.
Er traf Bruder Longinus, und als er dessen Geschichte hörte, warf er alles um. Sein Porträt über den jungen Mönch las ein Radiojournalist, der eine Sendung darüber brachte. So zog das Kreise, bis schließlich der Pattloch Verlag in Beuron anfragte, ob es gewünscht sei, darüber ein Buch herauszubringen. Es war.
Zwei Jahre saßen Longinus und sein vom Verlag gestellter Mitautor Gerald Drews zusammen, um die ungewöhnliche Geschichte eines Mannes zu schreiben, der als Frank Beha aufwuchs, um sich in Pater Longinus zu verwandeln. Das Buch verkauft sich gut, es ist schon die dritte Auflage in Planung. Das Klosterleben interessiert. Der Gästeflügel in Beuron wird zu einer immer bedeutenderen Einnahmequelle. 8000 Gäste jährlich zählt das Haus: Wanderer, die eine günstige Unterkunft suchen, Manager auf der Suche nach ethischem Wirtschaften, Teilnehmer an Exerzitien, Meditationen und Bibeltagen. In St. Raphael, dem Speisesaal im Erdgeschoss, zu dem auch weibliche Gäste Zutritt haben, sitzt eine Frau, die gerade sein Buch liest. Sie sagt, sie könne es kaum noch aus der Hand legen.
Die Botschaft: Seht her, so leben wir. Wer sich uns anschließen möchte, hier ist unser Angebot. Die deutschen Benediktiner missionieren nicht, sie pflegen und erziehen nicht. Sie sind ein kontemplativer Orden, dessen Angehörige die Verbundenheit mit Gott in Zurückgezogenheit, Meditation und Gebet suchen. Bruder Longinus hat die mediale Aufmerksamkeitswelle, die sein Buch losgetreten hat, tapfer erduldet, auch wenn der öffentliche Auftritt seine Sache nicht ist. Sogar in einer ZDF-Talkshow war er Gast. Wenn er heute, vier Jahre nach seinem Eintritt in Beuron, Menschen trifft, die ihn von früher her kennen, sagen sie zu ihm: Du bist offener und selbstsicherer geworden.
Weiterlesen: Frank Beha: „Ab morgen Mönch“. Pattloch, München 2009. 288 Seiten, 16,95 Euro.
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