Montag, 15 Februar 2010

Radio: Allah auf Sendung

Von Marc Röhlig

Zitouna FM ist Tunesiens einzige islamische Radiostation, die Regierung fördert die religiöse Ausrichtung. Das Programm wirkt über die Landesgrenzen hinaus bis nach Europa.

Als die Koransure aus dem Radio ertönt, dreht der Taxifahrer die Lautstärke nach oben. „Das ist mein Lieblingssender”, ruft er, „den höre ich die ganze Schicht über.” Dann tippeln seine Finger sanft über das Lenkrad und seine Lippen flüstern die Sure nach. Das Programm, das der Taxifahrer hört, heißt „Tarifu l-Koran“ – Verstehe den Koran – und es ist eine der beliebtesten Sendungen auf Radio Zitouna.

Zitouna FM ist Tunesiens einzige religiöse Radiostation. Offiziell ist sie nicht staatlich, wird aber finanziert von Sakher al-Matri, dem Schwiegersohn des tunesischen Präsidenten Zinelabidine Ben Ali. Zitouna, benannt nach Tunesiens berühmter „Oliven“-Moschee, ging vor zweieinhalb Jahren auf Sendung – und hat angeblich schon alle anderen Sender von der Spitze vertrieben. Laut einer Medienumfrage des tunesischen Umfrageinstituts Sigma Conseil schalteten bereits nach einem Sendejahr zwölf Prozent aller tunesischen Hörer Zitouna ein.

Radio Zitouna profitiert von einem gesteigerten Islam-Bedürfnis in der tunesischen Gesellschaft – und befeuert selbiges gleichzeitig mit seinem Programm. „Wir sind dabei, Alt und Jung mit unserer Idee eines liberalen Islam zu begeistern“, sagt Kamel Umrane. Er ist der Leiter von Zitouna und hält eine Professur für Islam und Gesellschaft an der Universität von Tunis. Er glaubt zu wissen, was „die Leute wirklich hören wollen“. Nicht jeder verstehe den Koran, Hilfe und Erläuterungen seien daher sehr gefragt. Das Programm von Zitouna FM sei „Basisarbeit“, sagt Umrane, „zum Beispiel mit detaillierten Gebetsanleitungen oder gründlichen Analysen einzelner Suren“. Die Sendungen sollen dabei helfen, einen neuen Islam nach Tunesien zu bringen: „Unser Ziel ist, einen toleranten und liberalen Islam zu verbreiten und eine Konkurrenz zu den radikalen Radios aus Ägypten und Saudi-Arabien aufzubauen.“

Die friedliche Islamisierung beinhaltet Koran-Lesungen von tunesischen Scheichs und Erläuterungen der Sunna. Die Sunna ist die Überlieferung des Prophetenlebens – „und das war sehr viel liberaler, als sich die meisten Muslime heute verhalten“, erklärt Umrane. Dies herauszufinden würde den Zuhörern nun viel Freude bereiten. „Wir bekommen Zuschriften aus aller Welt“, schwärmt der Direktor, „die uns ermuntern weiterzumachen.“

Die Sendestation von Radio Zitouna liegt klein und unscheinbar im vornehmeren Nordwesten von Tunis. Von außen wirkt das Haus staubig und verfallen, die salzige Mittelmeerluft kratzt an der Fassade. Doch innen ist alles frisch renoviert, das Oliven-Logo des Senders leuchtet von jeder Wand. Zwei Studios gibt es, ein kleines für Moderationen und eines für Gesprächsrunden. Im großen Studio wandern Koransuren auf einer grünen Banderole an der Wand entlang, auf den Pulten liegen verschiedene Ausgaben des Korans neben den Mikrofonen. Tunesiens einziger und erster 24-Stunden-Religionssender muss stets vorbereitet sein.

Auf das Interesse seiner Hörer, auf die neue Lust am Islam: „Tunesien hat schon immer einen sehr westlichen Islam vertreten“, sagt Kamel Umrane, „weil wir durch griechischen, römischen, französischen Einfluss gelernt haben, sehr offen mit Religion umzugehen.“ Der offene Umgang ist laut Direktor eine Rückbesinnung auf den „Ursprungsislam“, als der Glaube noch rein war. Mittlerweile sei er durchsetzt von radikalen Regeln und Rechtsgutachten, die mehr dem Willen eines einflussreichen Imams denn dem Diktat des Korans entsprächen. Die tunesische Regierung hat bisher vor allem mit Gesetzen den Glauben klein gehalten: Kopftücher sind in öffentlichen Einrichtungen verboten, Moscheen werden nur zu den Gebetszeiten geöffnet.

Nun geht das Land mittels Medien neue Wege: Das Ministerium für religiöse Angelegenheiten begrüßt die Gründung von religiösen Medien. Seit zwei Jahren bietet es Schulungskurse für Imame, Professoren und Journalisten an, die ihnen helfen sollen, religiöse Themen besser der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Radio Zitouna sendet den ursprünglichen Islam des siebten Jahrhunderts ins 21. Jahrhundert – und findet plötzlich Zuhörer weit über Tunesien hinaus. Algerier, Ägypter und Franzosen fragen nach Partnerprogrammen; in Frankreich soll in diesem Jahr sogar ein komplett eigener Ableger namens „Radio der Toleranz“ on air gehen. Bei der Radiostation arbeiten derzeit drei Moderatorinnen, zwei weitere werden demnächst eingestellt.

Malika Gassem, 30 Jahre, ist eine von ihnen. Die junge Muslimin sitzt in einem Schnittraum im Erdgeschoss, gemeinsam mit einer Kollegin beugt sie sich über einen Monitor. Sie schneiden einen Beitrag für die nächste Sendung. Die Tonspur flimmert wie ein gezacktes Gebirge über den PC-Bildschirm; jeder Zacken ein Teil einer hohen Kinderstimme. Es ist der O-Ton eines kleinen Mädchens, der gerade bearbeitet wird. Diese Stimme, jung und weiblich, sie ist die Quintessenz von Malika Gassems Aufgabe bei Zitouna FM. Die Moderatorin kümmert sich um das Kinder- und Jugendprogramm des Senders und übernimmt auch Koran-Lesungen. Parallel schreibt sie am Lehrstuhl von Radiodirektor Umrane an ihrer Abschlussarbeit über den Einfluss des Islam auf die tunesische Gesellschaft. Bei Malika Gassem vermischen sich Arbeit und Freizeit: „Ich wollte bei Zitouna einsteigen, um den muslimischen Frauen eine Stimme zu geben. Es geht in unserer Religion nicht um Burka und Zwangsehe – es geht um Selbstbewusstsein und Toleranz.“

Diese Einstellung hat Gassem in Tunesien mittlerweile zu einer Art religiösem Popstar werden lassen. Sie ist Ikone für viele junge Mädchen von Djerba bis Tunis, weil sie traditionellen Islam mit moderner Jugendlichkeit kombiniert. In ihren Sendungen spielt sie bekannte Songs religiöser Sänger wie Ihab Taoufik oder Cat Stevens und bietet eine Art „Dr. Sommer“ zum Anhören: „Ich reise durch das Land und interviewe Jugendliche zu ihren Träumen, Wünschen und Problemen.“ Oft laufe es dann auf Liebesfragen und -nöte hinaus. Bei allen Fragen ihrer Hörer sei so Gassem zu erkennen, dass „sie Glaube und Tugend als ihre wichtigsten Stützen begreifen“. Es gebe, so Gassem, in der jungen Generation eine starke Rückbesinnung auf die Religion. Der Islam sei Trend.

Wie der Radiosender den Islam unters Volk bringt – und vor allem die Jugend einbindet–, wird nicht von jedem gern gesehen. Kritiker deuten Radio Zitouna als zu lautes Zeichen der Islamisierung. Der tunesische Medienexperte Khemais Khayati erkennt eine erhöhte „islamische Geschwindigkeit“ im Nahen Osten, die „natürlich auch ihren sozialen Druck auf die Maghrebstaaten ausübt“. Dieser Druck allein war es, der den Erfolg von Radio Zitouna möglich gemacht habe. Die tunesische Regierung habe sich in der Verantwortung gesehen, den Islam in die eigene Hand zu nehmen – und via Zitouna einen religiösen Sender zu installieren, der der Bevölkerung Genüge tut. „Ohne die Finanzspritzen vonseiten der Regierung wäre auch Zitouna nie so schnell so populär geworden“, sagt Khayati. Man wisse weder, ob die Medienumfragen realistisch seien, noch, wie sich Zitouna ohne eine einzige Werbung seine ständigen Erweiterungen leisten könne.

Der Besitzer des Radios, Sakher al-Matri, soll laut Diplomatenkreisen den alternden Präsidenten Ben Ali in wenigen Jahren ablösen. Tunesische Medienblogs spekulieren, der ehrgeizige Schwiegersohn arbeite an einem TV-Ableger von Zitouna FM. Im vergangenen Jahr hat der 29-Jährige zudem das große tunesische Verlagshaus Dar as-Sabah aufgekauft – und ist damit Besitzer der auflagenstarken Tageszeitungen „As-Sabah“ und „Le Temps“. Jetzt schon Medien um sich zu scharen passe laut Kritikerin gut zur politischen Praxis der kontrollverliebten tunesischen Regierung. Die Verquickung von Zitouna mit der Regierung sei daher höchst fragwürdig: „Wenn wir schon ein religiöses Radio haben müssen, dann doch bitte komplett staatlich kontrolliert“, sagt Kritiker Khayati. Was sonst als gut gemeinter liberaler Radiosender startete, könne schnell zum Sprachrohr für Extremisten werden.

Gleich wie sich Radio Zitouna auf die Religiosität des Landes auswirken wird, gebe es schon heute einen positiven Effekt: „Seit wir unser Programm gestartet haben”, meint Direktor Kamel Umrane, „sind die Taxifahrer in Tunesien viel entspannter geworden.” Man höre Zitouna, statt auf die Hupe zu drücken. Die Verkehrsunfälle seien „beachtlich zurückgegangen“.

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Foto: Marc Röhlig 

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