Samstag, 14 November 2009
Netzwelt: Das digitale Ich
Von Marlene Kunst
Die sozialen Netzwerke im Internet erfreuen sich größter Beliebtheit. Jeder kann dort sein digitales Ich selbst gestalten, frei nach Wünschen und Vorstellungen. Aber wo hört die Realität auf und wo beginnt der Selbstbetrug? Und wie sozial ist das Ganze wirklich?
Wer bei Facebook ist, hat ein schönes Leben. So scheint es zumindest, wenn man sich täglich die Statusmeldungen seiner „Freunde“ durchliest: Jana joggt auf Kapstadts Stränden dem Sonnenuntergang entgegen, Sarah hat in der Politik-Klausur „gerockt“ und Julius ist mit der besten und schönsten Frau der Welt zusammen - und auch sonst einfach nur glücklich. Wie schön, dass es allen so gut geht.
Gerade wollte ich mich leicht verstimmt aus dem Netzwerk ausloggen, da anscheinend nur ich ganz unspektakulär in neutraler Gemütslage alleine zu Hause sitze, da stolpere ich über eine etwas ungewöhnliche Statusmeldung: Jörg war gerade auf Klo und hat sich nicht die Hände gewaschen. Waaas? Skandal!! Aber Moment! Wozu brauch ich eigentlich diese Information? Will ich das überhaupt wissen? Sechs von Jörgs „Freunden“ scheinen sich darüber keine Gedanken zu machen und äußern sogleich ihre recht natürliche Reaktion: Er solle gefälligst zurück ins Bad und seine Hände mit Wasser und Seife waschen.
Seit es StudiVZ, Facebook & Co gibt kann man jeden, zu jeder Zeit über alle Details des eigenen Lebens aufklären. Das reicht von Statusmeldungen über die eigene Befindlichkeit bis zu ganzen Fotoalben des letzten Sommerurlaubs. Selbst der schüchternste und einsamste Mensch scheint hier ein kleiner Star zu werden, umkreist von guten Freunden, Spaß und Heiterkeit. Es ist ein ganz neues Phänomen, dass jeder seinem Selbstdarstellungsdrang so mühelos nachkommen kann. Und das Beste an der Sache: Jeder kann sein digitales Ich nach Belieben gestalten.
Psychologen sprechen hier von einem „Hoped-for-self“ – eine sozial begehrenswerte Identität, die man meint unter den richtigen Umständen etablieren zu können. In seinem Klassiker „Wir spielen alle Theater“ schrieb Goffmann, dass das Individuum bestrebt ist, bei anderen einen möglichst positiven Eindruck zu hinterlassen und daher versucht diese Eindrücke aktiv zu steuern. Das Internet bietet sich da als unendliche Spielwiese an: Äußerliche Makel, aber auch andere sozial unerwünschten Eigenschaften wie Schüchternheit, können auf den Social Network Seiten hervorragend versteckt werden.
Ein Kreislauf der Selbstdarstellung
Studien kamen zum Ergebnis, dass Facebook-Nutzer mit kleinerem Selbstbewusstsein mehr private Informationen von sich preisgeben, als Personen mit hohem Selbstbewusstsein. Laut der Wissenschaftler scheint es sich hier um einen Kreislauf zu handeln – je mehr man von sich preisgibt, desto aktiver beteiligen sich „Freunde“ an der eigenen Seitengestaltung. In Form von Freundschaftseinladungen, Pinnwandeinträgen oder hochgeladenen Fotos helfen sie dabei die soziale Identität des Anderen zu entwerfen. Das soziale Ich ist letztendlich das, was zu zählen scheint auf den Sozialen Netzwerkplattformen.
Hier findet sich ein Widerspruch, der sowohl überraschend als auch befremdlich ist: Obwohl StudiVZ, Facebook & Co dem Nutzer eine Plattform bieten sich selbst darzustellen und somit eine gewisse Egozentrik und einen Individualismus fördern, hängt die im Internet präsentierte Identität eigentlich von anderen ab. Einerseits scheint der Social Networker die volle Kontrolle über seine Identität wahren zu können, da es von ihm allein abhängt, ob er sein Profil beispielsweise unbekannten Nutzern sichtbar macht, andererseits strebt er nach sozialer Anerkennung, die er vor allen Dingen durch die aktive Mitgestaltung anderer erreichen kann. Hier lauern nicht wenige Gefahren für die Privatsphäre.
Diese Gefahren sind zum Gegenstand der Mediendiskussion geworden: Einer Umfrage des Dimap-Instituts unter Arbeitgebern zur Folge, suchen 28 Prozent der Unternehmen ihre Bewerber um einen Arbeitsplatz zunächst im Internet, bevor sie zu einem Gespräch eingeladen werden. Ein unvorteilhaftes Facebook-Profil etwa kann ein ausreichender Grund sein, sich gegen einen Bewerber zu entscheiden. Sogar von entlassenen Arbeitnehmern war die Rede, die auf Facebook gesurft hätten, obwohl sie „krank“ von der Arbeit geblieben waren. Sicherlich stellen solche Fälle problematische Seiten der Social-Network-Seiten dar.
Noch interessanter ist jedoch die Frage, nach der Ursache dieses Phänomens. Warum verspüren wir eigentlich alle so einen Drang zur Selbstdarstellung? Warum hat diese Generation, die auch als „Digitale Generation“ bezeichnet werden kann, ein so anderes Verständnis von Privatsphäre als ihre Elterngeneration? Bietet uns das Internet nur die Plattform um einem natürlichen Bedürfnis nachzukommen? Oder handelt es sich hierbei vielmehr um „künstliche“ Bedürfnisse, die vom Internet erst geschaffen wurden?
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