Mittwoch, 03 Februar 2010
Blogger: Digitaler Kaffeeklatsch
Die einen lieben die Selbstdarstellung, die anderen versuchen im Internet mit Spezialwissen zu punkten. Eine Nische, in der die Hobbyschreiber auch Geld verdienen können.

„Alle waren so gemein zu mir“, jammert Frau Ährenwort. Sie hat schlecht geträumt. „Und mein Gatte hatte ein Geheimnis mit meiner ehemaligen Kollegin“, schreibt sie. „War dann aber was ganz Popeliges, nämlich, dass ‚Lost‘ wieder im Fernsehen läuft.“
Stefan Laurin hingegen muss schmunzeln. In einem englischsprachigen Reiseführer hat der 45-jährige Bochumer den Hinweis gefunden, Essen sei die schlimmste Stadt Europas. Tatsächlich? Die Frage sollen seine Leser beantworten. „Wir als Ruhrgebietsexperten sagen natürlich: ‚Nein – Offenbach, Magdeburg und Marl sind viel, viel schlimmer …‘“
André Vatter schwillt der Kamm. „Uns ist gerade ein Fax zugespielt worden, bei dem sich die Nackenhaare von allen aufstellen, die sich im selben Raum wie der Leser befinden“, schreibt er. Und warnt vor einem Dienstleister, der arglose Geschäftsleute im Internet abzockt. Für 89 Euro im Monat leitet er Firmendaten an Google weiter – ein Service, der absolut überflüssig ist, wie Vatter schreibt. Forsteten Googles Suchmaschinen das Netz doch automatisch nach neuen Seiten durch.
Frau Ährenwort, Stefan Laurin und André Vatter haben eines gemeinsam: Alle drei bloggen. Sie schreiben regelmäßig in eine Art Internet-Tagebuch (englisch: Weblog oder kurz: Blog). Geschwätzig. Verärgert. Oder amüsiert. Jeder nutzt das Blog auf seine Weise. Als Spielwiese, als Sprachrohr oder als Spiegel der eigenen Befindlichkeit. Ihre Einträge sind ein Querschnitt durch die deutsche Blogosphäre. Frau Ährenwort bestückt damit ihr ganz privates Blog: Frauaehrenwort.blogger.de. André Vatter hingegen verdient damit seinen Lebensunterhalt.
Der 29-Jährige ist einer der beiden fest angestellten Redakteure, die für Basicthinking.de arbeiten. Es ist eines der meistgelesenen deutschen Blogs, sein Gründer, der Betriebswirt Robert Basic, hat es vor einem Jahr für 46 902 Euro bei Ebay versteigert. Der neue Besitzer, der Hürther IT-Dienstleister Serverloft, verbuchte die Aktion zwar als PR-Gag, führte das Blog aber sogar noch professioneller als sein Gründer weiter. Eine eigene Redaktion bereitet Themen rund um Technik, Internet und Software auf, verbrauchernah und allgemein verständlich.
Und Stefan Laurin? Der freiberufliche Journalist stellt seine Texte zusammen mit anderen Kollegen einer Online-Zeitung zur Verfügung. Ihr Name ist Programm. „Die Ruhrbarone“ veröffentlichen Geschichten aus dem größten deutschen Ballungsraum zwischen Duisburg und Hamm. Sie bloggen den Pott. Als sie Ende 2007 starteten, taten sie das eher für sich. Inzwischen werden ihre Seiten täglich von Tausenden angeklickt – Tendenz steigend. Stefan Laurin klingt fast erschrocken, wenn man ihn nach den Zugriffszahlen fragt. Die Leser sind offenbar eher ein angenehmer Nebeneffekt.
Deutschlands Blogger haben sich in ihrer Nische häuslich eingerichtet. Die einen selbstgenügsam, die anderen beseelt vom Ehrgeiz, eine Botschaft zu verbreiten oder sich im Glanz ihrer eigenen Popularität zu sonnen. Innerhalb ihrer überschaubaren Community ist das einigen Bloggern durchaus gelungen, wie der Erfolg von Basic Thinking zeigt. Im Dezember 2009 zählte das Blog über 460 000 Zugriffe, beinahe doppelt so viele wie vor der Versteigerung. Die breite Masse nimmt davon bislang allerdings kaum Notiz. Nur jeder fünfte Deutsche liest Blogs. In Japan und den USA ist es jeder Dritte.
Medienwissenschaftler wundert das nicht. „Erstens“, sagt der Journalistikprofessor Michael Haller von der Universität Leipzig, „ist die Nachfrage nach alternativ aufbereiteten Nachrichten hierzulande geringer.“ Allen Unkenrufen zum Trotz sei das journalistische Niveau der etablierten Medien höher als in Blog-affineren Ländern. Zweitens sei das Gros der Blogger in erster Linie eben nur mit sich selbst beschäftigt. Weder hätten die Autoren bislang Diskussionen über Themen entfacht, an die sich etablierte Medien nicht herantrauen, noch hätten sie etwa im Bundestagswahlkampf eine nennenswerte Rolle gespielt.
Wenn über die Bedeutungslosigkeit der deutschen Blogosphäre lamentiert wird, lenken Kritiker den Blick gerne über den Tellerrand nach Amerika. Dort, so heißt es dann, gebe es unter den vielen Bloggern zumindest einige politische und journalistische Schwergewichte wie den rechtskonservativen „Troubleshooter“ Matt Drudge, der einst die Affäre des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton mit dessen Praktikantin Monica Lewinsky enthüllt hat. Gern wird in diesem Zusammenhang auch auf den Klatschreporter Harvey Levin verwiesen, der die Leser mit seinem Blog Thirty Mile Zone (TMZ) zuverlässig mit dem neuesten Klatsch aus Hollywood versorgt. So verkündete Tmz.com am 25. Juni 2009, dass der King of Pop gestorben sei – noch sechs Minuten vor dem Gerichtsmediziner. Die deutsche Blogosphäre an der amerikanischen zu messen, das ist jedoch, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Laut Haller war die Szene in den USA von Anfang an eher journalistisch motiviert.
Ihre Star-Blogger brauchen nicht zu fürchten, dass ihnen die Stadtwerke den Strom abknipsen, weil sie die Rechnung nicht bezahlen können. Harvey Levin und TMZ zum Beispiel werden von dem millionenschweren Medienkonzern Time Warner alimentiert. Für Matt Drudge wurde eine eigene Show bei Fox News zum Sprungbrett, einem erzkonservativen TV-Sender des Medien-Tycoons Rupert Murdoch.
Von einer solchen Poleposition wagen Blogger in Deutschland nicht einmal zu träumen. Schon zahlenmäßig fallen sie kaum ins Gewicht. Zuverlässige Statistiken gibt es nicht, nur Hochrechnungen und Umfrageergebnisse. Danach bewegt sich die Zahl der Blogger hierzulande zwischen 600 000 und 880 000. Allerdings soll nur ein Bruchteil von ihnen ihre Internet-Tagebücher regelmäßig pflegen.
Wer aber sind die Blogger? Michael Haller unterteilt sie in vier Kategorien. Da sind die Freizeitdarsteller. Bloggerinnen wie Frau Ährenwort, eine 36-jährige Bielefelderin, die über sich selber schreibt: „Irgendwie war ich mitteilungsbedürftig und irgendwo musste ich ja meinen seelischen Müll abladen, und so kam ich zum Bloggen.“ Zur zweiten Gruppe zählt der Medienwissenschaftler Mitglieder sozialer Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ. Sie wünschen sich Verständigung und Zugehörigkeit und machen dafür ihr Privatleben öffentlich.
Daneben gibt es themenzentrierte Blogs. Sie spiegeln die ganze Bandbreite dessen, womit sich die Autoren in ihrer Freizeit beschäftigen, von A wie Autoreifen über B wie Bundesliga bis Z wie Zwergkaninchen. Die meistgelesenen Blogs, die wöchentlich in einer Rangliste aufgelistet werden, bewegen sich aber an der Nahtstelle zwischen Pop und (Netz-)politik, wie zum Beispiel Netzpolitik.org oder Nerdcore.de. Michael Haller attestiert ihren Betreibern zum Teil „eine hohe Fachkompetenz“, „journalistischen Instinkt“ und „handwerkliches Know-how“. Und schließlich gibt es die sogenannten A-Blogger wie den streitbaren Kolumnisten Henryk M. Broder oder den wahlweise als Blogwurst oder Klassensprecher der Generation Web 2.0 titulierten Werber Sascha Lobo.
Es sind ausschließlich Frauen und Männer mit ausgeprägtem Ego, die ihr Blog als Visitenkarte nutzen. Oder, so formuliert es Sascha Lobo freimütig, „als permanente Pressemitteilung in eigener Sache“. Von einer „bloggigen Gegenöffentlichkeit“, resümiert Haller im Hinblick auf die ebenso breite wie unübersichtliche Blogger-Szene, könne aber keine Rede sein. „Man recherchiert nicht, sondern lebt von der stupiden Arbeit der konventionellen Medien“, heißt es in dem Artikel „Die aufmüpfigen Info-Piraten“, den er 2008 in der Internationalen Zeitschrift für Journalismus, „Message“, veröffentlicht hat. Der Journalistikprofessor kann diese These sogar mit Zahlen eindeutig belegen. So ergab eine Untersuchung der europäischen Blog-Suchmaschine Twingly im Sommer 2008, dass es in erster Linie die Websites etablierter Medien wie „Spiegel“, „Welt“ oder „Süddeutsche Zeitung“ sind, die die Blogger auf ihren Seiten regelmäßig verlinken. Liegt es in der Natur des Blogs, dass es eher zur Selbstdarstellung oder polemischen Stimmungsmache als zur Aufklärung genutzt wird? Auf die Freizeitdarsteller, die sozialen Netzwerker und die A-Blogger mag das zutreffen. Die populärsten themenzentrierten Blogs können diesen Verdacht jedoch ausräumen.
Glaubt man André Vatter von Basic Thinking, dann ist Bloggen harte Arbeit. Bis zu 50 Prozent seiner Zeit gehe schon allein für die Diskussion mit den Lesern drauf, sagt der Internetfreak. Genau das mache den Job aber auch so reizvoll. Die Leser versorgen ihn nicht nur mit Anregungen für Geschichten. Sie stellen sich auch als Experten zur Verfügung, wenn die Redaktion neue Dienstleistungen oder Internetdienste testet. „Wir fragen sie dann: Wie ist das neue Angebot zu bewerten? Habt ihr Verbesserungsvorschläge?“
So weit, so professionell. Doch auch unter den Amateuren zeichnet sich der Trend ab, das eigene Profil zu schärfen. In Gang gesetzt hat diese Entwicklung die Werbung. Bei großen Blog-Hostern, also Webanbietern wie der Berliner Firma Mokono kann man sich nicht nur schnell und kostenlos selber ein Blog einrichten – ein Service, der inzwischen vom Teenager bis zur Oma genutzt wird. Die Unternehmen stellen den Bloggern auch vermehrt ein Honorar in Aussicht.
Werbekunden wie etwa BMW oder Volvic machen es möglich. Sie haben die Blogs als Multiplikatoren für Mundpropaganda entdeckt. Arne Schulze-Geißler, Chefredakteur des Hamburger Fachmagazins für Online-Marketing „Adzine“, schätzt, dass 15 Prozent der Werbung inzwischen online geschaltet wird. Die Blogger würden davon bislang zwar kaum profitieren, sagt er. „Die Hälfte des Etats für Online-Werbung fließt in das Suchmaschinen-Marketing, und der Hauptanteil der Budgets für grafische Werbung landet noch bei großen Internetportalen und Verlagstiteln.“
Dagegen heißt es bei Mokono, das Interesse der werbetreibenden Agenturen steige an. Zwischen drei und acht Euro schüttet der Dienstleister pro tausend Seitenaufrufen an die Blogger aus. Höchste Zeit für Frau Ährenwort und ihre Mitstreiter, zu überlegen, ob sie nicht vom Larifari auf ein zugkräftiges Special-Interest-Thema umsatteln sollten. Bei guter Auftragslage können die drei jungen Betreiber der Seite Automobil-blog.de, einem der bekanntesten Blogs im Mokono-Portfolio, je nach Kampagne und deren Laufzeit Einnahmen im vierstelligen Bereich kassieren.
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