Donnerstag, 04 Februar 2010

Twitter: Ein Prost aufs wahre Leben

Von Florian Meyer

Unter Kurzbotschaftern: Per Handy und Internet lassen sich zwar mehr Kontakte knüpfen als in der Kneipe, doch manchmal überkommt auch die Fans der virtuellen Kommunikation die Sehnsucht nach persönlichen Gesprächen.

Milchig schimmernde Namensschilder kleben auf karierten Hemden, Wollpullundern und ausgewaschenen T-Shirts. Auf die Selbstklebefolie haben die jungen Frauen und Männer verwirrende Abkürzungen mit schwarzem Filzstift geschrieben: greenacid, kodak_de oder flugsuche steht da in einer krakeligen Schrift, die darauf schließen lässt, dass die Schreibenden normalerweise lieber in Tastaturen hacken, als zum Stift zu greifen. Unter diesen sogenannten Nicknames, den Spitznamen der Netzwelt, haben viele ihren wirklichen Namen gekritzelt – meistens nur den Vornamen. Man duzt sich, auch wenn man sich gerade erst kennengelernt hat.

Schnulzige Popmusik dudelt aus den kleinen Boxen an der Decke. An dem kalten Winterabend ähnelt die gemütlich-stickige Kneipe im Münchner Szeneviertel am Gärtnerplatz mehr einer Mobilfunkwerbung als dem echten Leben: Für drei Stunden verwandelt sich der Schankraum der „Niederlassung“ in den Ort mit der vermutlich höchsten iPhone-Dichte der Stadt. Jeder ist online und lacht, lädt ein Foto ins Netz hoch oder chattet mit Freunden, die nicht kommen konnten. Eng zusammengedrängt quetschen sich die Menschen mit den Namensschildern aneinander. Sie sitzen auf Holzbänken und Stühlen. Einige kauern auf dem Boden neben dem Tresen. Ein Klopfen dröhnt aus den Boxen, und eine Stimme setzt an gegen die Schallwand aus Gesprächsfetzen und Gläserklirren.

Man spricht Code

„Mein Name ist Thomas Pfeiffer, im wahren Leben heiße ich codeispoetry.“ Das Gemurmel verstummt, das Geknister und Geraschel stoppt. Thomas Pfeiffer legt das Mikrofon zur Seite und fordert alle Anwesenden auf, sich kurz vorzustellen. Thomas könnte in einer Bank oder einer Versicherung arbeiten: kurze Haare, dunkle Jeans und ein gestreiftes Hemd. Was ihn von einem grauen Angestellten unterscheidet, ist die Begeisterung, mit der er die Vorstellungsrunde beginnt: „Meine drei Hashtags sind Webevangelisten, Organisationsentwicklung und Web 2.0“, sagt er – was in etwa so viel heißt wie: Ich beschäftige mich gern und viel mit dem Internet. Hashtags sind Schlagworte auf dem Nachrichtenportal Twitter, das Web 2.0 ist Pfeiffers Hobby, Webevangelisten seine Beratungsfirma. Thomas hilft Unternehmen auf ihrem Weg in soziale Netzwerke, und er hat den Abend organisiert.

Twittwoch heißt die Veranstaltung, zu der sich Programmierer, PR-Berater und Internetfans alle sechs Wochen in München treffen. Sie wollen über Geschäftsmodelle in sozialen Netzwerken diskutieren. Den Twittwoch gibt es auch in Chemnitz, Essen, Frankfurt und natürlich in Berlin. Von dort aus wurde die Idee in andere Städte getragen – und der Twittwoch soll weiter wachsen, sagt Thomas Pfeiffer. Sein Blick schweift über die Teilnehmer des Abends, die einer nach dem anderen aufstehen und sich mit Name, Nickname und Interessen vorstellen.

Einige Neue sind mit dabei. Doch sie haben es schwer, den Anschluss zu finden. Der Twittwoch ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Genauso sprechen die Teilnehmer auch. Michael Bach ist heute zum ersten Mal hier, aus Neugierde. Doch der Start sei ganz schön schwer, gibt der Student zu: „Ich verstehe nur jedes zweite Wort.“ Zum Beispiel die komisch anmutende Abkürzung vor einem Profilnamen: „@ “ steht vor jedem Nickname, um zu zeigen, dass es sich um einen Twitterkanal handelt.

Nachrichten auf dem Web-Dienst Twitter sind nur maximal 140 Zeichen lang und trotzdem beliebt. Etwa 200 000 Deutsche schreiben regelmäßig Kurznachrichten über das Webportal – und die Nutzerzahlen steigen weiter an. Wer sich auf der Seite anmeldet, kann die Twitterkanäle anderer Nutzer abonnieren, ihre Statusmeldungen lesen und selbst schreiben, was er gerade denkt oder macht. „Twittern“ eben – auf Deutsch: zwitschern. Auf Twitter erzählen Menschen Belangloses: Sie sagen, worüber sie sich gerade ärgern, oder kommentieren Fernsehsendungen.

In Deutschland wurde der Dienst dem nicht digital sozialisierten Publikum vor allem dadurch bekannt, dass im vergangenen Jahr einige jüngere Bundestagsabgeordnete das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl vor der offiziellen Bekanntgabe an ihre Gefolgsleute verschickten. Twitter ist umstritten: Kürzer, schneller und direkter als ein Blog soll es sein, sagen Fans. Irrelevantes, unnötiges Geplapper, halten Kritiker dem entgegen. Im Moment sind zwar weder Vermarktungsmöglichkeit gefunden, noch wird Twitter an der Börse gehandelt – Analysten schätzen den Wert des Dienstes dennoch auf mehr als eine Milliarde Euro.

Thomas Pfeiffer redet gern und viel, doch er kommt immer auf den Punkt. Auf dem Twittwoch sollen sich Freunde aus dem Netz bei einem analogen Bier auch persönlich kennenlernen, sagt er. „Der Twittwoch ist im Endeffekt so etwas wie Twitter im Real Life, wo man Leute zusammenbringt.“

Die „Niederlassung“ ist eine Kneipe 2.0 – eine Bar, die in das soziale Netz hineinragt. Sie hat einen eigenen Twitterkanal und ein Profil auf Facebook. Regelmäßig finden multimediale Lesungen oder ein Online-Stammtisch statt. Während des Twittwochs wirft ein Beamer alle eingehenden Kurznachrichten über die Veranstaltung an die Wand – Bier bestellen, Bekannte grüßen, die Vorstellungsrunden kommentieren. Hashtags, eine einfache Form der Verschlagwortung auf dem Kurznachrichtendienst mittels des Rautezeichens, bringen Orientierung ins digitale Durcheinander. „Is noch Platz in der @niederlassung? #twittwoch“ erscheint auf der Videoleinwand. Jemand hat die Frage einfach ins Netz gestellt – und erhält sofort eine Antwort.

88 Teilnehmer haben sich zum vierten Münchner Twittwoch angemeldet. Etwa 50 sind auch wirklich gekommen. Eine gute Quote, findet Thomas Pfeiffer. Viele Teilnehmer des Twittwochs betreiben eigene Blogs und Webseiten. Die meisten besitzen auch ein Profil bei Twitter – denn die Anmeldung für den Twittwoch läuft ausschließlich über den Kurznachrichtendienst. Twitter sei eben der ideale Kanal, um viele Menschen möglichst schnell anzusprechen, sagt Thomas Pfeiffer. Wenn er den Nachrichtendienst erklärt, greift er auf einen einfachen Vergleich zurück: „Twitter ist wie eine riesige Cocktailparty“, sagt er. „Man geht von Stehtisch zu Stehtisch, tauscht sich ein bisschen mit Leuten aus, hat ein bisschen Smalltalk und lässt seine Visitenkarte liegen, falls es spannend war.“ Wie bei Twitter: In 30 Prozent aller Nachrichten des Portals sei ein Link, der auf weiterführende Blogs oder Internetseiten verweist.

Der persönliche Kontakt sei bei aller Liebe zum digitalen Lebensstil doch wichtig, sagt Thomas Pfeiffer. Denn auch wenn dank neuer Smartphones und immer kleinerer Laptops das Internet überall dabei ist – und die Freunde und Bekannten aus den sozialen Netzen damit nur einen Klick entfernt sind –, eine lautstarke Diskussion in einer überheizten Kneipe ersetzt ein Chatforum nicht. „Wenn man sich persönlich gesehen hat, kann man später leichter in der virtuellen Welt kommunizieren“, sagt ein Teilnehmer des Twittwochs.

Auch Michael Grillhösl ist gekommen, um zu diskutieren. Bei einem Twittwoch ist er zum ersten Mal, er will sein Projekt vorstellen: Auf Twitter schreibt Grillhösl unter dem Namen flugsuche. Über den Kanal will er das Flugpreisvergleichsportal Swoodoo.com auf Twitter erweitern. Die Idee ist einfach: Twitternutzer können das Flugsucheprofil abonnieren und künftig direkt über Twitter nach billigen Flügen suchen. Dafür müssen sie bloß den Namen des Swoodooprofils flugsuche in ihre Statusmeldung tippen, die gewünschte Flugverbindung und das Datum. Ganz ausgereift ist die Twitter-Applikation nicht. Grillhösl will an diesem Abend feststellen, was die Webgemeinde von seiner Idee hält. Doch bevor er seinem Tischnachbarn von seiner Idee erzählen kann, beginnt der erste Vortrag.

Markus Walter arbeitet als Onlineredakteur bei der Allianz. Vor einem halben Jahr baute er einen eigenen Twitterkanal für den Versicherungskonzern auf. Heute hat er mehr als 800 sogenannte Follower, die regelmäßig seine Kurznachrichten über neue Studien der Allianz lesen oder mit ihm über den Umweltgipfel in Kopenhagen diskutieren.

Auf dem Twittwoch erklärt Walter, warum er bei der Allianz begonnen hat, soziale Netzwerke wie Facebook, MeinVZ oder Twitter für die Unternehmenskommunikation zu nutzen. Eigentlich habe er einen Unternehmenskanal bei Twitter angelegt, um Besucher auf die Allianz-Website zu locken, sagt Walter. Schnell habe er aber gemerkt, dass das nicht so gut funktioniert. „Jetzt twittern wir hauptsächlich aus Reputationsgründen.“ Der Versicherungskonzern werde als sehr konservativ wahrgenommen. Die Auftritte in sozialen Netzwerken im Internet sollen zeigen, dass auch junge Angestellte im Konzern arbeiten, „die anders ticken“. Dadurch will Markus Walter das Unternehmen sympathischer machen.

Rundfunkanstalt zögert noch

Nach dem Vortrag schnellen Arme in die Höhe: Viele Teilnehmer haben Fragen zum Allianz-Twitterkanal. „Nach welchen Regeln twittern die Angestellten?“, will eine PR-Beraterin wissen. Ein Redakteur einer Marketingzeitschrift sagt, dass soziale Netzwerke nur ohne feste Regeln von Unternehmen genutzt werden können. Mitarbeiter, die im Namen ihres Betriebs soziale Netzwerke nutzen, müssten einfach ihrem gesunden Menschenverstand folgen, meint ein anderer, während seine Augen stoisch auf den Laptop vor ihm gerichtet sind. Eines wird klar: Viele Unternehmen haben noch keine Strategien, welche Freiheiten sie ihren Angestellten im Web 2.0 lassen sollen.

Anschließend erklärt der zweite Redner, Richard Gutjahr vom Bayerischen Rundfunk, wie die öffentlich-rechtlichen Sender die neuen Medien nutzen. Gutjahr hat keine Powerpoint-Präsentation dabei, sondern seine Folien auf ein Flipchart aufgemalt. Gutjahr muss mit Vorbehalten im eigenen Haus kämpfen. „Wie viele Mitarbeiter twittern denn?“, will ein Mann im Anzug wissen. Nicht so viele – immerhin will der Bayerische Rundfunk sein Engagement im Web 2.0 in diesem Jahr überdenken.

Mit der Zurückhaltung ist die Rundfunkanstalt nicht allein. Nur wenige Unternehmen haben sich bisher überhaupt in die sozialen Netzwerke getraut. Für viele Firmen sind sie nicht viel mehr als eine virtuelle Spielwiese: Es kostet nicht viel, dabei zu sein, umso schlimmer wäre es aber, einen neuen Trend im Netz zu verpassen. Wie sich Facebook, MeinVZ oder Twitter über die Imagepflege hinaus nutzen lassen, wie Unternehmen sogar Geld im Web 2.0 verdienen können – darauf weiß im Moment noch keiner eine Antwort.

Am Ende des Abends hat Michael Grillhösl sein Twitter-Projekt ausführlich diskutiert: Ob sich das Engagement seiner Firma auf dem Kurznachrichtendienst lohnt, kann er noch nicht sagen. Sein Rat: Ausprobieren – und den nächsten Twittwoch besuchen.

Dieser Beitrag ist im Rheinischer Merkur erschienen. Du kannst den RM vier Wochen lang kostenlos testen – und musst nicht einmal kündigen: Jetzt probelesen!

© Foto: Felix Seuffert/imagetrust

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