Freitag, 26 März 2010
Trauerkult: Letzte Ruhestätte 2.0
Von Antje Hildebrandt
Das Internet etabliert sich als virtueller Friedhof. Immer mehr Hinterbliebene errichten dort ihren Verstorbenen ein digitales Denkmal. Manchmal missbrauchen Suizid-Gefährdete die Portale aber auch als öffentliche Bühne für ihren Selbstmord.

Er ging einfach so, ohne Vorwarnung. Beim Fußballtraining kippte er um und stand nicht wieder auf. Wie die Obduktion ergab, war seine Halsschlagader gerissen. Julian wurde nur 21 Jahre alt. Wer ihn auf dem Friedhof von Nordenham besuchen möchte, sucht vergeblich nach einem Grabstein. Seine Urne wurde anonym bestattet. Es gibt keinen Grabstein, nur eine virtuelle Marmorplatte. Man findet sie im Internet, unter www.strassederbesten.de. Auf diesem digitalen Friedhof liegt Julian begraben, irgendwo zwischen der bekannten TV-Moderatorin Petra Schürmann-Freund und „Krümel“, der mit nur sechs Wochen starb.
Zwölf Kerzen brennen auf seinem Grab, angezündet von Menschen, die ihm in einem virtuellen Kondolenzbuch die letzte Ehre erweisen: „dem besten Freund, dem besten Arbeitskollegen, dem besten Partyking“. Den Weg zu seinem Grab können sie sich ersparen. Abschied nehmen im Zeitalter Web 2.0., das bedeutet: des Verstorbenen im Schutz der Anonymität gedenken.
Das Internet als virtueller Friedhof, es gewinnt auch hierzulande an Bedeutung. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Websites, die Besucher einladen, Freunden, Angehörigen oder Idolen ein Denkmal zu setzen. Das Angebot reicht vom interreligösen Friedhof www.geh-den-weg.de, der Christen, Muslime und Buddhisten zu den aufdringlichen Klängen eines Cembalos in Dreiherreihen bestattet, bis zur kunterbunten Trauerwiese (www.memorta.com), auf der Hinterbliebene ihren Lieben querbeet „den schönsten Platz im Netz“ reservieren können. Mit echten Friedhöfen haben diese letzten Ruhestätten wenig gemein. Viele Websites sind auf den ersten Blick kaum von den Schaufenstern virtueller Kaufhäuser zu unterscheiden. Zu viele Buttons, zu viel Farbe. Man könnte auf die Idee kommen, hier werde der Tod verramscht. Fotos oder Videos zeigen den Verstorbenen in glücklicheren Tagen, doch was ihn einzigartig machte, erfährt man nicht.
Der virtuelle Friedhof hat das Sterben demokratisiert. Hier liegen sie friedlich nebenander begraben: das Meerschweinchen Mikey, dem seine Besitzerin Einfühlsamkeit attestiert, und der Nationaltorhüter Robert Enke, der vielleicht durch seinen Suizid unsterblich wurde. Ja, sogar die „Beziehung Matze–Ivonne“ wurde hier zu Grabe getragen. „In Dankbarkeit“, steht da auf dem Stein. Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, dass es im Internet mehr Friedhöfe für Tiere als für Menschen gibt. Den wohl größten findet man unter www.memorygarden24.com.
Hier gibt Jennifer E. ihrem verstorbenen Islandpony Sissy zum letzten Mal Zucker. „Du warst mein erstes Pony und die Freundin von dem Haflinger meines Opas“, schreibt sie in einem Nachruf. „Papa Marko“ betrauert sein „Mädchen“, seinen „Sonnenschein“ und sein „Engelchen“ in Personalunion, einen Yorkshireterrier namens Daisy, der am 27. Juni 2009 im Alter von sechs Jahren starb.
Dass diese Daisy zeit ihres Lebens stets im Schatten einer prominenteren Namensvetterin stand, die traurige Berühmtheit als Lebensgefährtin des ermordeten Modezaren Rudolph Moshammer erlangte – geschenkt. Daisy liegt ebenfalls auf diesem Tierfriedhof begraben – in der VIP-Ecke, vis-à-vis von Bruno, dem erst posthum berühmt gewordenen bayrischen „Problembären“. Wie sie bekommt auch ihre unbekannte Namensvetterin Besuch von Leuten, die weder sie noch ihr trauerndes Herrchen kennen. In einem Kondolenzbuch sprechen sie „Papa Marko“ ihr aufrichtiges Beileid aus. Für viele Hinterbliebene ist es vermutlich eine ebenso bequeme wie günstige Form der Therapie.
Die normale Grabstätte kostet sie keinen Cent. Nur wer seinem Liebling einen Schrein mit bis zu drei Fotos und eine Blümchenborte am Kondolenzbuch einrichten möchte, zahlt 9,98 Euro. Laufzeit: zwölf Monate. Ist das tierisch oder menschlich oder tierisch menschlich? Martin Brotzler sagt, es wundere ihn nicht, dass die Öffentlichkeit lieber Anteil am Schicksal unbekannter Vierbeiner als am Tod ihrer Nachbarn nimmt. Mit dem Portal www.internet-friendhof.de betreibt er einen den ältesten deutschen Internetfriedhöfe. Ein Hund sei eben ein Hund, sagt der 36-jährige Journalist aus dem baden-württembergischen Waiblingen. Tröstende Worte zu finden falle Außenstehenden da leichter.
Kurioserweise waren es verstorbene Vierbeiner, die Martin Brotzler auf die Idee gebracht haben, Hinterbliebenen im World Wide Web einen Ort zu schaffen, wo sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen können. Brotzler sagt, nach dem Tod seines Vaters sei er mit seiner Trauer plötzlich allein gewesen. Seine Mutter kehrte wieder in ihre österreichische Heimat zurück. Ohne Grab habe auch sie sich verloren gefühlt. In dieser Situation sei er zufällig auf einen jener virtuellen Tierfriedhöfe gestoßen, wie sie in den Neunzigerjahren plötzlich in den USA auftauchten.
Eine Geschäftsidee, die sich in den USA schnell verselbstständigte. Inzwischen mischt der Gründer der Onlinejobbörse Monster.com, Jeff Taylor, den Markt der virtuellen Friedhöfe auf. Sein Portal bündelt nicht nur kostenlose Todesanzeigen. Es gibt Hinterbliebenen auch praktische Tipps im Umgang mit Behörden und Bestattern und vermittelt Kontakte zu Selbsthilfegruppen. Finanziert wird es mit Anzeigen von Floristen, Verlagen oder gemeinnützigen Organisationen. Schnell zogen auch die Betreiber sozialer Netzwerke hinterher. So bekam die werbefinanzierte Plattform Myspace.com mit Mydeathspace.com einen Ableger. Besuchern eröffnet sich dort ein Gruselkabinett, das bestückt ist mit Berichten über Menschen, die in der Mehrzahl eines unnatürlichen Tod gestorben sind. Die Einträge werden nach Todesursache sortiert: Besonders oft dabei: Suizid, Unfalltod und Mord.
Das Internet als Bühne für spektakuläre Abgänge? Dieser „Trend“ ist jetzt auch nach Deutschland geschwappt. Ende Januar kündigte ein 26-jähriger Berliner seinen Selbstmord auf Facebook an. Es war ein Sonntag, als Julius Niemann* seinen 348 Facebook-Freunden um 16.46 Uhr mitteilte: „I committed suicide.“ Eine Bekannte, die noch einige Tage zuvor mit ihm bei der Berlin Fashion Week unterwegs war, sagt, sie habe an einen Scherz geglaubt. „So etwas kommt bei Facebook häufiger vor.“
Dabei war es in diesem Fall nur der Auftakt zu einer Inszenierung, die ihre traurige Fortsetzung in der Realität fand. Am nächsten Morgen stürzte sich Julius aus dem Fenster einer Wohnung, in der er nach einer geschäftlichen Pleite als Unternehmer in der Modebranche Unterschlupf gefunden hatte. Der Tod als Performance. „Unglaublich!!!“, schrieb eine Lea einen Tag später auf seiner Seite an seine sogenannten Freunde. „Ihr habt die Ankündigung gesehen und nichts getan.“
Tatsächlich hätte ein aufmerksamer Beobachter erkennen können, dass hier jemand seinen Suizid inszenierte. „Wie fühlt es sich an?“, fragte eine gewisse Ketty arglos, nachdem Julius den vermeintlichen Vollzug seines Suizids verkündet hatte. „It’s the strongest power of the universe“, posaunte er.
Erst jüngst haben die Betreiber der Community mit weltweit 400 Millionen Benutzern in einem Blog-Eintrag verkündet, die Hinterbliebenen verstorbener Mitglieder sollten den Account als Kondolenzbuch nutzen: „Wenn jemand uns verlässt, dann verlässt er weder unsere Erinnerungen noch unser Netzwerk.“
Im Fall Julius Niemann hat die Familie diesen Rat beherzigt und dem Sohn eine „Fanpage“ eingerichtet. Hier findet sein Suizid einen traurigen Höhepunkt. Tränenreich versichert die im Ausland lebende Mutter, wie sehr sie ihren Sohn vermisse. Entfernte Bekannte nutzen die Seite als Bühne, um sich selber im Glanz des Verstorbenen zu sonnen. Einer schreibt: „Wir kannten uns nur flüchtig, warst aber immer ein wunderbares Fotomotiv.“
Prägt das Internet künftig also nicht nur die Art und Weise, wie wir uns Verstorbener erinnern? Bringt es Selbstdarsteller womöglich erst auf die Idee, ihrem Leben ein Ende zu setzen? Für Reiner Sörries, den Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, ist dieser Schritt die Konsequenz einer Entwicklung, die er schon seit längerem mit Sorge betrachtet. „Suizidankündigungen in Internetforen sind ja nicht neu“, sagt der Professor für christliche Archäologie und Kunstgeschichte. Bislang habe es sich dabei jedoch um ein passwortgeschütztes Insidermedium gehandelt. Dass der Trend jetzt auch die sozialen Netzwerke erfasse, sei absehbar gewesen.
Viel erstaunlicher als dieses Phänomen findet Sörries die Tatsache, dass sich der virtuelle Friedhof hierzulande noch nicht als Geschäftsidee durchgesetzt hat. Wie Martin Brotzler betreiben die meisten Inhaber ihre Internetportale ehrenamtlich. Eine Arbeit, deren Aufwand er unterschätzt habe, räumt der 36-Jährige ein. „Nach dem Amoklauf von Winnenden 2009 hatte ich ein Blog eingerichtet. Täglich wurden 300 bis 400 Kommentare gepostet. Und um sicherzustellen, dass die Seite keine Trittbrettfahrer anlockt, musste ich jeden einzelnen lesen.“
Der Versuchung, mit dem Portal Geld zu verdienen, hat er jedoch widerstanden. „Aus der Trauer der Hinterbliebenen Profit zu ziehen, finde ich verwerflich.“ Martin Kunz hat damit keine Probleme. Der Münchner, im Hauptberuf Wissenschaftsjournalist beim Magazin „Focus“, ist einer der beiden Gründer des Onlineportals www.eMorial.de. Mit 170 000 Gräbern ist es der größte virtuelle Friedhof in Deutschland.
Ein normales Reihengrab gibt es dort zum Nulltarif. Doch wer mag, kann Verstorbenen aus Texten, Bildern, Videos und Musikdateien ein eigenes Mausoleum errichten. 129 Euro kostet das Rundum-sorglos-Paket, buchbar gleich bei einigen Bestattern. Ein Angebot, das nach den Worten von Kunz jedoch erst fünf Prozent der Kunden genutzt haben. „Häufig waren es Eltern zwischen 45 und 55 Jahren, die ein Kind durch Unfall oder Krankheiten verloren hatten.“
Dabei, sagt Martin Kunz, liege der Vorteil gegenüber einer gedruckten Todesanzeige auf der Hand: „Die kostet ein paar hundert Euro und landet mit der Zeitung im Papierkorb. Das digitale Grab bleibt für Jahre.“ Wenn Menschen glauben, so Sörries, „das Internet sei ein Medium, mit dem sie ihre Trauer ausdrücken können, ist das für diese Menschen in Ordnung.“ Bei der Bewältigung von Trauer helfe alles, was den Abschied vom Verstorbenen erleichtere. „Bei einigen Internetgräbern hat man aber den Eindruck: Der Verstorbene soll weiterleben.“ Aus therapeutischer Sicht seien solche Schreine eher kontraproduktiv.
Dem Wandel der Erinnerungskultur sieht Reiner Sörries gelassen entgegen. Er prophezeit, schon in fünf bis zehn Jahren würden die ersten Traueranzeigen als E-Mails verschickt. Einen Verfall der Sitten mag er darin jedoch nicht erkennen. Er sagt: Jedes Medium wirke eben auf den Umgang mit der Trauer zurück. „Und wer erinnert sich heute noch an die Proteste, als die gedruckte Todesanzeige den Leichenbitter ablöste, der von Haus zu Haus ging, um einen Todesfall zu vermelden?“
* Name von der Redaktion geändert
Illustration: Marcelo Galvao Silva Rampazzo/toonpool.com
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