Dienstag, 15 Dezember 2009

Warum ich?: Alle gegen eine

Von Sylia Heiberg

„Die Bevölkerungsdichte ist ein wichtiger Indikator für die Standortentwicklung“, tippe ich in meinen Laptop. Ein Referat soll es werden. In zwei Stunden soll ich es halten. Das tue ich nur ungern und habe es deshalb bis jetzt verdrängt.

Nun sitze ich in der S-Bahn und leiste Last-Minute-Arbeit. Die Bevölkerungsdichte meiner Stadt arbeitet aber gegen mich. Stimmen klingen durch den Wagen, Nasen röcheln, Hündchen hecheln. Gegenüber sitzt ein Anzugträger, der aussieht, als hätte er nur aus Versehen den Porsche stehen gelassen. Er faucht in ein futuristisch aussehendes Objekt hinein: „Mensch, Elfi, Du wirst doch wohl ein Faxgerät bedienen können! Um zehn brauch ich den Bericht im Konferenzraum! Äh – hallo, bist du noch dran?“ Entsetzt starrt er auf das regungslose Display in seiner Hand. Funkloch? Oder hatte Elfi die Faxen dicke? 

„I kissed a giiiirl!“ jubelt nebenan ein Handy los. „Ey Aldaaa“ jubeln zwei Vierzehnjährige verzückt mit. Erst nach etlichen Takten bequemt sich der Minigangster dazu, den Anruf entgegenzunehmen. Für Pubertierende ist Katy Perrys lahmes Geständnis auch nach zwei Jahren noch laustarker Kommentare würdig.

„Weitere Faktoren sind die Infrastruktur und die soziale Schichtung“, tippe ich verzweifelt weiter, während ich das in Waggonlautstärke geführte Telefonat auszublenden versuche. Ich geb dir gleich Infrastruktur!

„Fahrausweis“, nölt mich ein Pulliträger an und hält mit ein Gerät unter die Nase. Ich wedele genervt mit meiner Monatskarte und wende mich wieder meinem Referat zu. „Schatzi!“ kreischt es da neben mir los. Ich bin irritiert. Meint die mich? Nö. Eine junge Frau im Paillettentop ist aufgesprungen und rudert mit den solariumsbraunen Armen. Neben ihr steht ein Kinderwägelchen. Das Kind darin beginnt zu brüllen.

Wie soll ich bei diesem Lärm bloß jemals mit meiner Bevölkerungsdichtung fertig werden? Können die nicht mal alle miteinander die Schnauze halten? Inzwischen umarmt das Paillettentop eine Tigerbluse. „Wie geht’s denn so?“, plappern sie. Fragend deutet die Tigerin auf das heulende Kind. Die Mutter winkt ab. „Ach was, die viele Leud mache de Kimberly immer so nerwös.“ Kimberly und ich wechseln einen genervten Blick.

Endlich hält die Bahn. Ich steige aus und setze mich auf eine Bank auf dem nun verlassenen Bahnsteig. So friedlich ist Frankfurt selten. Ein einsamer Vogel kreist über mir. Ansonsten bin ich allein. Endlich kein Krach mehr, kein Geschrei, keine Klingeltöne. Endlich kann ich wieder meine eigenen Gedanken hören.

Ich klappe den Laptop wieder auf. Es war dämlich von mir, die Arbeit bis heute aufzuschieben. Ich wäre jetzt nicht gestresst und hätte in der Bahn zur Freude der Schuljungs provozierend Bananen essen können.

Stille bringt Erkenntnis.

Mehr lesen:
• mercury #9: Ein monothematisches Heft zum Thema „Stille“
• Im Schweigen Stärkung finden
Ausprobiert: Ein Tag lang Stille

© Foto: istockphoto.com

Bisher 0 Antworten auf Alle gegen eine





grafischer Zugangscode

(Groß-Kleinschreibung beachten)