Freitag, 30 April 2010
Mode: Alle Wetter
Von Jürgen Bräunlein
Früher waren sie Gebrauchsgegenstände. Heute werden sie von Designern mit bunten Mustern versehen und zu Trendartikeln erklärt. Unabhängig von der Jahreszeit schmücken sie vor allem das Frauenbein.

Auch Karl Lagerfeld verpasst schon einmal Trends. Als der Modezar jüngst nach den Gummistiefeln aus dem Hause Chanel gefragt wurde, war er – der Klatschpresse zufolge – ehrlich genug, seine Unwissenheit zuzugeben: „Ich wusste nicht einmal, dass wir Gummistiefel herstellen.“ Selbst eine Edelmarke wie Chanel ist also – auch wenn der Meister es selbst nicht weiß – mit dabei, wenn es darum geht, bei der Renaissance eines gemeinhin für hässlich befundenen Schuhwerks mitzuwirken und mitzuverdienen. Und zu verdienen gibt es beim Gummistiefel seit geraumer Zeit eine ganze Menge. Die Nachfrage boomt, das Angebot wird immer breiter. Gummistiefel in Pink, Orange und Giftgrün. Gummistiefel in Zebra- oder Leopardenmuster, mit fröhlichen Sonnenblumenfeldern, psychedelischen Retromustern oder schrillen Tattoo-Kreationen. Gummistiefel mit Schnürung oder Schnalle oder koketten Verzierungen am Schaftrand. Als multifunktionales Fashion-Highlight hat ein Hersteller sogar ein Modell mit zwei Griffen auf den Markt gebracht. So wird aus dem Fußkleid bei Bedarf eine strapazierfähige Handtasche.
Steckte man früher seine Füße und Waden lediglich aus Gründen der Zweckmäßigkeit in die wasserdichten und in der Regel einfarbigen Kautschuktreter, so geschieht dies heute nicht nur, weil es regnet oder vielleicht regnen wird, sondern aus modischen Gründen. „Gummistiefel sind stylish“, erklärt Claudia Schulz vom Deutschen Schuhinstitut in Offenbach, „sie werden von manchen Damen mittlerweile auch als Stadtschuh getragen.“ Stefan Preuss, Mitinhaber von Preuss & Knorr, einem Online-Versand, der ein breites Sortiment an maritimen Mode- und Geschenkartikeln anbietet und sich vor allem auf Gummistiefel spezialisiert hat (www.mare2.de), ergänzt: „Gummistiefel sind zu echten Hinguckern geworden. Besonders in Berlin. Mädchen und junge Frauen mit kurzen Röcken, engen Jeans oder gar Leggings tragen sie. Das ist hipp.“ Die ausgefallenen, mitunter schrägen Gummikreationen von Preuss & Knorr tauchen mittlerweile regelmäßig in Lifestylemagazinen auf. „Wir haben auch viele Hobbygärtner und Hundebesitzer als Kunden“, freut sich Preuss über den steigenden Absatz.
Jahrelang fristeten Gummistiefel ein eher unspektakuläres Dasein, galten als leicht zu reinigende Gebrauchs- und Berufsschuhe für Angler, Jäger, Feuerwehrleute und Landschaftsgärtner. Es gab sie in Schwarz, in gedecktem Grün oder – das höchste der Gefühle – in knalligem Gelb. Ihre Benutzer mussten in unförmige Einheitsgrößen schlüpfen, als hätten selbst die Designer ihre Kreationen nur widerwillig entworfen. Weder ästhetisch noch hygienisch (Schweiß!) galten sie als Sensation, allenfalls ideal für die ersten kindlichen Pfützensprünge und natürlich für das Schlachtfeld, denn wer sich in die Kulturgeschichte des Gummistiefels einliest, kommt nicht umhin, festzustellen: Vor allem auch das Militär profitierte von dieser Erfindung.
Schon die Ureinwohner Südamerikas stellten die primitive Vorform eines Gummistiefels her – sie behandelten nasse Stoffschuhe mit Pflanzensaft, um eine bessere Haltbarkeit zu erzeugen. Um das Jahr 1817 entwickelte Arthur Wellesley, erster Herzog von Wellington und seines Zeichens Feldmarschall und britischer Militärführer, einen schmalen, einfachen und gut sitzenden Stiefel aus Kalbsleder extra für den Einsatz im Krieg. Das Modell ähnelte bereits der Schnittform des klassischen Gummistiefels, der von dem Amerikaner Charles Nelson Goodyear in die Welt gebracht wurde. Jahrelang scheiterte der Chemiker daran, einen Kautschuk zu entwickeln, der weder klebt noch stinkt. Dann gelang ihm im Jahre 1840 eine echte Sensation: die Vulkanisation von Kautschuk. So nannte er dieses Verfahren, weil er Schwefel und Hitze einsetzte, beides Attribute, die man Vulkanen zuschreibt. Kurzum: Das Hartgummi war erfunden.
Die Vorzüge des Gummistiefels sprachen für sich. Er wurde bei nassem Wetter zum Fußkleid par excellence. Ledersohlen weichen auf, Gummisohlen trotzen Regen und Schnee. Später haben Gummistiefel dieses Alleinstellungsmerkmal dank Gore-Tex und anderer wasserabweisender synthetischer Materialien zwar verloren, nicht jedoch ihre eigentümliche Faszinationskraft. Beim derzeitigen Comeback der Gummistiefel sind, wie bei den meisten Modetrends, Prominente nicht ganz unbeteiligt. Als verlängerter Arm der Modebranche führen sie uns Laien vor, was wir zu tragen haben. Besonders großes Engagement für den Gummistiefel beweist Supermodel Kate Moss. Mehrmals schritt sie beim Musikfestival im südenglischen Glastonbury in Gummistiefeln der Edelmarke „Hunter“ durch den Matsch.
„Die derzeitige Beliebtheit des Gummistiefels gehört sicher zum schon lange zu beobachtenden Lebensgefühl ,zurück zu den Basics‘“, sagt Ursula Zillig, Professorin für Modedesign an der Hochschule für Künste Bremen. „In der Kleidung drückt sich eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit aus. Der Gummistiefel als Klassiker der Berufskleidung gehört dazu, ebenso wie Jeans und weißes T-Shirt. Im Übrigen sind auch wieder Latzhosen und Blaumänner angesagt.“
Nicht zuletzt zum Country-Trend passt der Gummistiefel. Das Magazin „Landlust“, seit 2005 auf dem Markt, verzeichnet sensationelle Auflagenzuwächse, mittlerweile hat man das Niveau von „Brigitte“ und „Bunte“ erreicht. Im digital beschleunigten Computerzeitalter wächst die Sehnsucht nach Natur, Stall und Hobbygärtnerei. Der gestresste Großstädter braucht für die Auszeit im Grünen oder in der eigenen Datscha wenigstens ein Paar Gummistiefel, wenn es schon nicht zum Geländewagen reicht. Auch TV-Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ bieten dem Gummistiefel regelmäßig wirksame Auftritte: im Kuhmist oder bei der Kartoffelernte – stets ist er mit dabei. Die Botschaft ist verlockend: In Gummistiefeln zu stecken versöhnt den zugereisten Städter mit seinen ländlichen Wurzeln. Das dabei aufkommende romantische Gefühl entbehrt jedoch jeder Ekstase und jedes Risikos. Mag man auch tief im Schlamm stecken, die Füße schmutzig macht man sich nicht. Dabei helfen auch die farbenfrohen Muster und kitschigen Bilder auf den Gummistiefeln, als kämen sie direkt aus dem Kinderzimmer. „Den Gummistiefel zeichnet eine verblüffende Ambivalenz aus“, meint Ursula Zillig, „hier lassen sich alle möglichen Assoziationen herstellen.“
Dass Gummistiefel zu tragen nicht imageschädigend sein muss, hat vielleicht als Erste Queen Elizabeth II. bewiesen, die damit über die schottischen Hügel von Balmoral wandert, stets mit staatstragender Würde und nicht selten von Fotografen begleitet. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung zu Altkanzler Gerhard Schröder. Als der damalige Bundeskanzler am 14. August 2002 mit schwarzen Gummistiefeln und dunkelgrüner Regenjacke in dem von Überschwemmungen schwer verwüsteten Grimma aufkreuzte, wirkte sich das positiv aus auf seine Wiederwahl.
Mittlerweile bestehen Gummistiefel häufig aus schwerem PVC oder Polyurethan und nur zu einem geringen Teil aus echtem Gummi. Als Faustregel gilt: Je höher der Naturkautschukanteil, umso haltbarer und flexibler ist der Gummistiefel. Eine Vielzahl von Traditionsmarken wie Aigle oder Viking buhlen heute mit Luxusgummistiefeln um die anspruchsvolle Kundschaft. Es sind handgefertigte Paare, die innen mit Schafwolle oder Neopren gefüttert werden und sich angenehm an Fuß und Waden schmiegen.
Männer machen den Trend nur halbherzig mit. Wenn sie Gummistiefel tragen, dann nur aus praktischen Gründen. „Sie schlüpfen ungern in kniehohe Stiefel“, vermutet Claudia Schulz vom Deutschen Schuhinstitut, „und Hosen in die Stiefel zu stopfen mögen sie, anders als Frauen, auch nicht.“ Eine ähnliche Meinung vertritt Stefan Preuss, auch wenn es für seinen Gummistiefelversand geschäftsschädigend ist: „Ich würde nie bunte Gummistiefel anziehen. Ich mag’s unauffällig, klassisch, britisch.“ Und das ist nur ein Grund, warum der Gummistiefel nicht dieselbe grandiose Karriere machen wird wie der Sportschuh. Als reiner Gebrauchsschuh für sportive Aktivitäten etabliert, mauserte dieser sich als Edelsneaker zum salonfähigen Ausgehschuh, der sich auf gesellschaftlichem Parkett sogar zum Anzug tragen lässt. Für einen Mann im Anzug aber sind Gummistiefel nur vorstellbar, wenn er Komiker ist oder Thomas Gottschalk heißt.
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© Foto: eyevine
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