Freitag, 22 Januar 2010

Essen: Das Single-Brot

Von Stephan Thomas

Ich gehe in die Bäckerei um ein Brot zu kaufen. Die große Uhr draußen an der Bäckerei zeigt 19:10 Uhr an. Sie sieht aus wie eine Bahnhofsuhr, schwarze Zeiger, keine Zahlen. Ich komme gerade von einer WG-Besichtigung und weil mir die WG nicht gefallen hat, habe ich meine Nummer nicht da gelassen. Jetzt möchte ich noch ein frisches Brot kaufen.

In den Regalen liegen nur noch wenige 500g und 750g Brote. Ein Schild weist darauf hin, dass ein 500g Brot ohne Aufpreis in zwei Hälften geschnitten wird. Ob man dann eine Hälfte mitnehmen kann, oder beide mitnehmen muss, wird nicht ganz klar. Das Wort „umsonst“ ist auf jeden Fall rot hervorgehoben und unterstrichen auf dem Schild.

Zwischen den vielen großen Broten liegt, in Plastikfolie verpackt, ein kleines Brot. Es ist nicht etwa die Hälfte eines größeren, sondern ein rundes 250g Brot. Auf dem Schild davor steht der Name: „Single-Brot“. Muss ich hier vor den Bäckereiverkäuferinnen den Beziehungsstatus offenbaren? Dabei könnte ich doch auch, sagen wir mal, eine Fernbeziehung haben? Oder ich wohne einfach nicht mit meiner Freundin zusammen und wir essen nicht jeden Abend gemeinsam! Oder sie isst einfach kein Brot, sondern nur Toast?



Ich schaue aus dem Fenster der Bäckerei auf die andere Straßenseite. Dort hat vor kurzem eine große Bäckereikette eine Filiale eröffnet. Eine junge Frau steht vor der Brotauslage und wischt sie aus. Es ist niemand im Laden. In der Bäckerei auf dieser Straßenseite gehen die Kunden ein und aus, aber sie liegt auch direkt hinter einer Bushaltestelle. In der anderen Bäckerei gibt es nur teureres Brot, ich sollte mich also hier entscheiden. Ich entschließe mich, zu dem Single-Brot zu stehen.

Aber halt: Ich war von der Größe des Brotes so begeistert, dass ich mich gar nicht erkundigt habe, was in dem Brot überhaupt drin ist! Das hole ich nach, ich frage die Verkäuferin. Sie antwortet: „Da sind Zwiebeln drin.“ Sie wirkt auf naive weise gut gelaunt und freundlich. Zwiebeln also. Die nächste Demütigung. Da der Single ja keinen Partner hat, oder zumindest nicht mit ihm in einem Haushalt lebt, ist es auch egal, wenn sein Brot Zwiebeln enthält, die ihn zum Pupsen bringen. Außerdem ist so ein Zwiebelbrot auch wirklich nur etwas fürs Abendessen. Morgens Marmelade auf die Scheibe Zwiebelbrot? Undenkbar. Mit den Singles können sie es ja machen. Vielleicht gibt es bald noch ein Päckchen Knoblauchbutter gratis als Beigabe zum Single-Brot.

© born-to-be-reporter.de „On Air“ 01/2010

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