Donnerstag, 08 April 2010
Obdachlose: Der U-Bahn-Motzer
Von Julia Kost
Sie gehören zu Berlins Stadtbild wie das Brandenburger Tor – die Obdachlosen, Penner und Schnorrer. Doch wie sieht der Alltag dieser Menschen aus? Unsere Autorin Julia Kost hat einen Tag mit ihnen verbracht.
Unscheinbar steht er da. Der Motz-Wohnwagen hinter dem Bahnhof Nollendorfplatz. Winzig klein, eher gelb als weiß. Ebenfalls unauffällig ist das kleine Schild auf dem die Öffnungszeiten stehen. Jeden Tag hat der Motz-Wagen etwa sieben Stunden geöffnet. Ein Blick ins Innere zeigt abgewetzte Sitzpolster. Ein zerschlissener Mantel hängt an einem abgebrochenen Haken an der Wand. Halbleere Pappkartons mit Essen stehen auf einem Brett herum. „Immer freitags bringen die von der Berliner Tafel Brot und Joghurt und manchmal sogar Pralinen. Aber die sind jetzt schon alle weg“, berlinert schleppend Paul los.
Seine klaren grünen Augen mustern mich neugierig. Ein Drei -Tage-Bart schmückt sein Gesicht. Nur die Hände verraten ihn: leicht gelb, fleckig, dunkle Dreckränder unter den Fingernägeln und eingerissene Haut. Der 31-Jährige ist ein Wohnungsloser. Fünf Lagen Klamotten trägt er übereinander. Sie schützen ihn vor der Kälte. Und eine Schildmütze, über die er die Kapuzen seiner Sweatshirt-Jacken zieht. Mit seiner ausgewaschenen hellen Jeans und der braunen Eastpack-Umhängetasche wirkt er ansonsten ganz normal. Dass ich mich für ihn und den Motz-Wohnwagen interessiere, freut ihn: „Es gibt nicht viele Leute, die sich mit uns beschäftigen“, sagt er freundlich.
Andreas betreut diesen Wohnwagen seit 15 Jahren. „Wir verkaufen hier für 40 Cent an die Obdachlosen die Motz, eine Zeitung des Motz & Co e.V.. Die Obdachlosen können die Zeitungen dann für 1,20 Euro weiterverkaufen. Den Gewinn behalten sie.“ Samstags ist auch ein Arbeiter der Berliner Gemeinde Christi e.V. hier. Er bringt kostenlos Kaffee, Joghurt und manchmal auch Suppe für alle. Paul trifft heute auch seinen alten Schließer wieder. Übersetzt heißt das: sein ehemaliger Justizvollzugsbeamter. Paul war nämlich für fast ein Jahr im Knast. Wegen „Kleinigkeiten“, wie er sagt. Zu oft schwarzgefahren sei er. Dass er früher Heroin genommen hat, erzählt er mir erst später, als wir weg sind von dem Wohnwagen. „Die anderen würden mich nur ausschimpfen, dass ich das überhaupt erzähle. Aber hier nimmt eigentlich jeder Drogen. Oder ist spielsüchtig. Oder trinkt. Der ganze Erlös geht dafür drauf. Oder glaubst du etwa, die kaufen sich was zu Essen?“
Paul nimmt mich mit auf eine seiner Touren durch die U-Bahnen. Dass es verboten ist, Zeitungen in der Bahn anzubieten, stört ihn nicht. Hausfriedensbruch lautet der Vorwurf, wenn Paul erwischt würde. Er zuckt mit den Schultern: „Aber sie haben mich noch nie gepackt.“
Die Bahn fährt ein. Paul steigt vorne ein, ich ganz hinten. Er stellt sich in die Mitte der Bahn und sagt seinen Spruch auf. Immer wieder begrüßt er die Menschen. „Guckguck, hallihallo, einen schönen Guten Morgen allerseits. Ich bin einer von vielen Wohnungslosen in Berlin und verkaufe die aktuelle Ausgabe der Motz.“ Er lächelt und überspielt mit ausladenden Gesten seine Verlegenheit. Er zeigt auf die Zeitung, dreht sich einmal damit im Kreis, nur um die Aufmerksamkeit und die Lacher der Fahrgäste zu bekommen.
Paul bleibt immer freundlich, hat sogar seine Kapuze abgezogen. Dann geht er direkt auf die Leute zu, und fragt, ob sie eine Motz wollen oder eine kleine „Samstagdurchhaltespende“, wie er es nennt. Die allgemeinen Reaktionen sind deprimierend: Die Menschen schweigen, starren penetrant aus dem Fenster oder winken verlegen ab. Doch ab und zu kaufen die Leute eine Zeitung. Sie drücken Paul etwas Geld in die Hand, auch ohne die Zeitung haben zu wollen. Sie geben einfach ein Zwei-Euro-Stück, und den Rest als Trinkgeld. Ein Vater gibt seiner Tochter Geld, damit sie eine Motz kaufen kann.
Paul bedankt sich bei jedem und bedankt: „Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit, schönen Feierabend, schönes Wochenende und viel Spaß den Touristen, falls wir welche an Bord haben.“ Ein letztes Peace-Zeichen mit den Fingern und er steigt aus. Ab in den nächsten Waggon. So geht das weiter.
Das ist Pauls Masche. Er versucht witzig zu sein. Als wir auf die nächste Bahn warten, erzählt er wieder. Paul muss nicht täglich verkaufen gehen. Er braucht das Geld nicht so dringend, wie die Heroinabhängigen. Ein Cocktail aus Heroin und Kokain – das sei gerade in. Paul selbst versucht, davon wegzukommen. „Ich bin eigentlich froh, dass ich in den Knast gewandert bin. Sonst wär’ ich wahrscheinlich längst tot. Der Knast war wie eine Therapie. Ich will das nich’ mehr. Draußen, alleine, kannst du den Entzug nich’ schaffen.“ Sein weiser Spruch für alle Süchtigen: „Man wird nur alleine clean, aber alleine schaffst du’s nicht.“ Jetzt bekommt er vom Arzt Polamidon und zwar in immer geringeren Dosierungen, um von den Drogen loszukommen. Und Dope raucht er noch manchmal. Die „Szene“, wo er das Zeug herbekommt, ist am Hermannsplatz in Neukölln. Für 0,3 bis 0,4 mg Heroin zahlt man dort zehn Euro, für 1 ml Methadon (Abfall von Polamidon) einen Euro.
Letztens hatte Paul einen Rückfall. Das hat er seinem Arzt auch ehrlich gesagt. „Wenn ich was gemacht hab, muss ich auch dazu stehen.“ Wegen dieser Ehrlichkeit hat er schon sieben Ärzte durch. „Es gibt Leute, die gehen jedes Mal zum Arzt und faken ihre Pisse. Ich bin halt ehrlich und mach so was nich’. Einer zum Beispiel hat, als er clean war, seine Pisse eingefroren und dann jedes mal wenn er zum Arzt ging, ein bisschen was in warmem Wasser aufgetaut und das dann unterm Arm oder unter den Sack geklemmt, damit’s die richtige Temperatur hat. So kommen die jahrelang durch.“
Wie er selbst auf die Straße gekommen ist, will er nicht so richtig erzählen. Er hätte seine Wohnung verloren, seine Ex-Freundin wäre ‚kacke’ gewesen nach sechs Jahren Beziehung. Mehr verrät er nicht. Im Moment darf er bei dieser Ex-Freundin übernachten. Er will aber bald in ein betreutes Wohnheim.
Die nächste Bahn kommt. Paul versucht sein Limit zu erreichen, das er sich jedes Mal selbst setzt. Heute sind es 50 Euro. „Wenn ich das Limit erreicht hab, hör ich auf. Warum soll ich weiter machen, wenn ich schon genug hab? Ich bin nich’ gierig, ich brauch’ ja kein Heroin und Kokain mehr wie andere. Die meisten sind gierig und machen dann weiter. Ich will mein Glück aber nicht herausfordern.“ Der höchste Erlös, den Paul je gemacht hat an einem Tag, war 160 Euro. „Aber wenn das jemand mitkriegt, wird Hartz IV sofort gekürzt.“
Nach der Tour geht es erstmal ab in einen Supermarkt: Mut antrinken. Eine Flasche mit einem Bier-Tequila-Mischgetränk und zwei Packungen mit kleinen Kräuterlikör-Fläschchen. „Für später.“ Die Hälfte des Geldes, das er auf unserer Tour vom Nollendorfplatz zum Mohrenplatz und wieder zurück verdient hat, gibt er gleich wieder aus. Zwölf Euro waren es. Jetzt sind es nur noch knappe sechs. Den Mut braucht er unbedingt. „Ich habe manchmal Angstzustände.“ Es sei nicht so einfach. Auf die Leute zugehen und sich deren kritischen Blicken stellen – das kann nicht jeder Obdachlose. Da fehlt das Selbstbewusstsein. Deshalb der Alkohol. „Ich trinke aber auch nicht jeden Tag, so wie andere. Ich trinke, nur wenn ich auf Tour bin“, sagt Paul. Er trinkt nur, wenn er Mut braucht. Wenn er verkauft. Wenn er sich der Gesellschaft stellt.
Julia Kost ist 18 Jahre alt. Sie besucht die 12. Jahrgangsstufe des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Stuttgart.
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Vom 4. bis zum 7. März trafen sich in Berlin engagierte Jugendliche aus ganz Deutschland. Während eines Reportage-Seminars der MedienWerkstatt der Konrad-Adenauer-Stiftung konnten sie sich einmal wie große Journalisten fühlen: Vier Tage lange arbeiteten die Nachwuchsjournalisten an ihren Geschichten, recherchierten, fotografierten und schrieben. Auf mymercury.de dokumentieren wir exklusiv, was dabei herausgekommen ist.
Fotos: privat; motz e.V.
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