Freitag, 08 Januar 2010
Job: Die Nomaden werden sesshaft
Von Jens Höhner
Das Notebook auf dem Bistrotisch, daneben ein Latte macchiato – das war gestern. Viele Freiberufler wollen nicht mehr allein vor sich hin arbeiten. Sie gründen Bürogemeinschaften. Co-Working heißt der Trend

Eine schicke Bar in Berlin, ein edles Sushi-Bistro in New York oder eine lauschige Parkbank mitten in Paris: Da sitzen sie und klappern mit den Tasten. Wer heute nur noch den Laptop und einen mobilen Internetzugang braucht für sein Tagewerk, der kann eigentlich überall tätig sein. Schöne neue Arbeitswelt? Nicht unbedingt. „Man vereinsamt völlig“, klagt der Kölner Unternehmensberater Peter Schreck. „Lange Zeit habe ich selbst so gearbeitet“, sagt der 34-Jährige.
Nahezu bewundernd sprechen die einen von der „digitalen Boheme“, jener Kaste der Laptop-Arbeiter, etwas spöttisch von „digitalen Nomaden“ die anderen. Klar ist: In den vergangenen Jahren hat sich der Arbeitsalltag deutlich verändert, vor allem für die Selbstständigen. Arbeiteten 2001 nach Angaben des Instituts für Freie Berufe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg 740 000 Menschen in Deutschland auf freiberuflicher Basis, so waren es bei der bisher letzten Erhebung im Jahr 2008 schon über eine Million. Tendenz steigend. „Der Anteil der kreativen Berufe ist gestiegen“, berichtet Willi Oberlander, Geschäftsführer des Instituts.
In seinem Examen hat sich Peter Schreck mit ebendiesem Phänomen und seinen Folgen beschäftigt: „Neue Arbeitsorte für Kreativarbeiter“ ist der Titel der Abschlussarbeit, die einen Trend beschreibt, für den es hierzulande noch keine wirklich genaue Übersetzung gibt. „Co-Working“ heißt er: Man arbeitet gemeinsam, aber nicht miteinander. Immer mehr Freiberufler gründen Gruppen und Netzwerke, ziehen zusammen unter das dasselbe Dach, richten sich ein in meist kargen, aber oft modern und effektiv ausgestatteten Büroräumen. „Solche Häuser nehmen zukünftig die Gestalt von Organisationen an“, glaubt Schreck. „Denn die Konzerne wissen dann, dass sie an solchen Orten viele Dienstleistungen versammelt finden.“ Und dabei entstehen zudem neue Geschäftsmodelle: Der eine mietet den Arbeitsplatz, der andere vermietet ihn.
Genau so ein Unternehmen wollen Schreck und seine Mitstreiter jetzt in Köln gründen. In vielen Großstädten gibt es diese Bürogemeinschaften 2.0 bereits, demnächst eröffnet eine in Hamburg. Dort verrät Florian Siepert, Konzeptentwickler bei einer Softwarefirma und Kopf des Ganzen, viele Ideen. Zum Beispiel die des „Co-Working-Visums“: Wer etwa in der Hansestadt einer solchen Arbeitsgemeinschaft angehört, der soll auch in München bei Partnern einen Schreibtisch nutzen können. Schon lange setzt Sieperts Arbeitgeber – der Hamburger ist fest angestellt – auf den „Open Friday“: An diesem Tag dürfen sich „Gastarbeiter“ aus jeglichen Branchen bei der Firma einnisten, abends kommen alle Arbeitenden zusammen, um über ihre Tätigkeiten zu reden und ihre Projekte zu präsentieren. „Bisher haben wir sehr oft von solchen Synergien profitiert“, berichtet Siepert, der künftig 50 Arbeitsplätze anbieten möchte.
Wie richtig die Nomaden-Generation mit solchen Vorhaben liegt, betont Peter Richter, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Technischen Universität in Dresden. In einer Zeit, in der die Hierarchien immer flacher würden, bräuchte es neue Mittel, um die Leistungsfähigkeit zu erhalten, sagt der 66-jährige Emeritus. Das bedeutet: Wenn immer mehr Freiberufler kurzfristig zu gemeinsamer Projektarbeit vereint werden, muss ein Kitt her, wie es Richter nennt. „Und das ist nichts anderes als Vertrauen. Dafür muss man sich aber persönlich und nicht bloß virtuell begegnen.“

Ausgerechnet aus dem Bereich der Informatik sei diese Erkenntnis hervorgegangen, schildert der Wissenschaftler. Denn da hätte sich plötzlich gezeigt, dass die tollste Technik und die teuerste Maschine nicht unbedingt ein wertvolles Ergebnis garantieren. „Im vergangenen Arbeitsleben reichten die Weisungen des Chefs und damit allein seine Kompetenzen aus“, erklärt Richter. „Aber diese Strukturen schwinden: Immer mehr Berufstätige begegnen sich heute auf derselben Ebene. Zu diesem irrsinnigen Kooperationsdruck kommen der Zwang zur Schnelligkeit und die Pflicht, konkurrenzfähig zu sein. Da braucht es einen starken Zusammenhalt.“
Zurzeit schreibt der Dresdner an einem Buch, das diese Trends aufgreift und betrachtet. Gern zitiert Richter auch die große Bedeutung der Kaffeenische für das Entstehen neuer Ideen, insbesondere in den kreativen Berufen. „Ein spontanes Treffen kann ungeheuer produktiv sein. Menschen brauchen einander, man muss sich riechen können. Trivial ist das nicht.“
Jacqueline Boyce weiß nur zu gut, wovon der Forscher redet. Vor etwas mehr als zwei Jahren hat die Journalistin die „Kölner Zeiträume“ eingerichtet und sich bis heute eine Klientel „mit ungefähr 200 Stammkunden“ erarbeitet. Ihre Geschäftsidee hat die Mittvierzigerin auf 800 Quadratmetern im Kölner Stadtteil Braunsfeld ausgebreitet. Dort finden moderne Schreibtischtouristen nicht nur Büros, Seminarräume und Konferenzzimmer: Ein Fitnessraum und eine kunterbunte Kindertagesstätte gehören ebenso dazu. „Es war mir ein großes Anliegen, das Miteinander von Beruf und Familie an diesem Ort zu ermöglichen“, betont die Mutter von zwei Kindern.
Die Nutzer sind zum Beispiel Finanzdienstleister, Programmierer, auch ein Gutachter in der Fischereizucht ist dort vertreten. Rechnet man die Mieten auf Stundentarife um, so liegen sie zwischen vier und sechs Euro. Im Service enthalten ist auf Wunsch ein Sekretariat, das Post bearbeitet und als Empfang fungiert. In den „Zeiträumen“ haben jüngst ein Verlagsinhaber und eine Grafikerin zueinander gefunden – rein beruflich, versteht sich.
Das ebenfalls knapp zwei Jahre alte „Betahaus“ in Berlin funktioniert ähnlich. Spärlich eingerichtet sind die weiß getünchten Etagen der früheren Fabrik für Putzlappen. Glühbirnen und Internetanschlüsse baumeln an Strippen, wie hingewürfelt stehen Schreibtische und Regale in den riesigen Räumen. Tonia Welter gehört zu den Gründern des Betahauses: „Von den 120 Plätzen, die wir hier haben, sind 90 schon vergeben“, erklärt die Designerin, die auch die Accessoires für den Laptop-Arbeiter entwirft: Ihre Speichermedien sind silbern und zum Beispiel eingearbeitet in Manschettenknöpfe. Wer auf diesen 1000 Quadratmetern in Kreuzberg einen Schreibtisch haben möchte, bekommt ihn für einen Tag, ein paar Wochen oder auch dauerhaft.
Die Preise beginnen mit dem Tagesticket bei zwölf Euro und reichen bis 229 Euro im Monat – Schreibtisch, Postfach, Spind, Abstellkammer und Konferenzraum-Nutzung inklusive. Wer noch zu später Stunde geschäftig sein will, erhält den Schlüssel zum Haus. Werbung braucht es dafür nicht. „Die Leute kommen von allein zu uns“, berichtet Welter. Meist sei die Kundschaft zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Auch der Veranstaltungskaufmann Jens Schramm hat sich für ein paar Quadratmeter Betahaus entschieden: Die Light-Version eines Büros spart ihm viel Geld. Zwei Angestellte hat der 26-Jährige heute, einen Auszubildenden und einen Praktikanten. Seine Agentur organisiert seit sechs Jahren Reggae-Konzerte. „Seit Mai sind wir hier, weil alles passt und uns keine langfristigen Verträge binden.“ Nebenan programmiert derweil die Mannschaft von Ralf-Gordon Jahns „Apps“, also Applikationen oder Anwendungen, für Apple-Handys. Mit 44 Jahren ist Jahns der Oldtimer unter den Mietern. Der starke Wunsch nach Veränderung in seinem Berufsleben hat ihn nicht nur in die Selbstständigkeit gebracht, sondern eben auch zum Co-Working: „Ich schätze die enorme Flexibilität – und außerdem finde ich Zugang zu jüngeren Generationen.“
So weit, so gut. Experten wie Willi Oberlander vom Institut für Freie Berufe warnen jedoch davor, die schöne neue Arbeitswelt zu verklären: „Viele Freiberufler bemerken negative Folgen wie den mangelnden Erfahrungsaustausch erst nach der Gründungsphase ihres Unternehmens.“ Zudem lässt der hippe Lebensstil der meist jungen Kreativen Themen wie Alters- und Risikovorsorge spießig erscheinen – eine Einschätzung, die teure Folgen haben kann.
Ausgerechnet der Schöpfer des Begriffs „digitale Boheme“, der Berliner Blogger und Autor Sascha Lobo, sieht weitere Schattenseiten des flexiblen Daseins: „Die Errungenschaften der digital vernetzten Arbeitswelt schlagen sich längst nicht in allen Berufen nieder. Je schlechter ausgebildet man ist, desto niedriger die Chance, vom Netz und den digitalen Produktionsmitteln zu profitieren.“
Überdies ist es ein erklärtes Ziel Lobos, die Lobby für sich und seinesgleichen zu verbessern: „Fehlende Konstanz und daraus resultierende Probleme, fehlende soziale Absicherung, kaum politische Interessenvertretung“, zählt er als Mängel auf. Die deutsche Gesellschaft sei eben noch nicht gänzlich reif für solche Arbeits- und damit auch Lebensmodelle. Jedoch: „Endlich arrangiert sich die Arbeit um das Leben herum und nicht das Leben um die Arbeit – besonders, was den Ort der Arbeit angeht.“ Ob sich solche Plätze dann deutschlandweit vernetzen, ist für den angehenden Co-Working-Unternehmer Peter Schreck derweil eine der spannendsten Fragen. „Aber davon gehe ich aus.“
Der Tod des Cafés als Arbeitsplatz allerdings scheint besiegelt: Nicht nur, weil wachsende Latte-macchiato-Rechnungen ein Problem für die Steuererklärung darstellen, sondern auch, weil schweigende Tastenklapperer längst nicht überall willkommen sind. Dieses Geräusch zumindest stört keinen, der seinen Schreibtisch gleich nebenan gemietet hat.
Internet: www.coworking-news.de, www.hallenprojekt.de, www.mixxt.de
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