Samstag, 29 August 2009

Interview: „Die soziale Ader schlägt noch“

Von Marlene Kunst

Im Rahmen des Projekts „Deutschland 24/30“ haben sich die Journalisten Miriam Janke, Sophie Bleich und Helge Oelert auf den Weg gemacht, um der Sozialen Marktwirtschaft auf die Spur zu kommen. 30 Tage lang sollte die Reise dauern. Jetzt ist sie schon fast um. Finanziert wurde das Projekt von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), einer arbeitgebernahen Organisation. Das hat natürlich Kritiker auf den Plan gerufen. Im Interview nehmen Miriam und Helge Stellung zu den Vorwürfen und erzählen, wo sie die Soziale Marktwirtschaft gefunden haben.

mymercury.de: Das Ziel eurer dreißigtägigen Reise ist es, den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft mit Leben zu füllen. Doch noch bevor das erste Video veröffentlicht werden konnte, waren einige Medien eher der Meinung, das Projekt hätte den Begriff des Lobbyismus mit Leben gefüllt. Was haltet ihr von diesen Vorwürfen?
Helge Oelert:
Ich denke, uns allen war bewusst, dass es ein sensibles Thema ist, wenn Interessenverbände Journalismus beauftragen. Denn beide haben zwei grundsätzlich gegensätzliche Ziele: Ein Journalist bemüht sich, unparteiisch die Wahrheit abzubilden; ein Lobbyist will seine interessengeleitete Botschaft unters Volk bringen. Aber gerade deshalb haben wir bei den Vertragsverhandlungen sehr genau darauf geachtet, dass wir unabhängig berichten können und es keine Einflussnahme von der INSM geben darf. Ich denke, guter Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er kritisch, aufrichtig und überparteilich ist. Er wird nicht deshalb schlecht, weil ihn der vermeintlich „Falsche“ finanziert. Und übrigens auch nicht deshalb gut, weil ihn die „Richtigen“ in Auftrag gegeben haben. An sich finde ich es richtig, wenn die Öffentlichkeit sensibel gegenüber politischer Einflussnahme ist. Aber das Problem an der Diskussion war: Alle hatten ein Urteil gefällt, bevor sie unsere journalistische Arbeit gesehen hatten. Und außer dem „Spiegel“ hat es kein Kritiker überhaupt für nötig befunden, uns Beschuldigte zu befragen. Nicht gerade ein Zeichen für guten Journalismus.

Ist es unter den Umständen möglich, ergebnisoffen und vor allem kritisch an die Sache heranzugehen?
Miriam Janke:
Das war Bedingung für meine Teilnahme. Als ich mich beworben habe, habe ich gefragt: Bekommen wir vorgegebene Fragen oder Ergebnisse, die ich dann quasi auswendig lernen und reproduzieren muss? Dann hätte mich das Projekt nicht interessiert, schließlich bin ich keine Statistin, sondern Journalistin. Das Spannende an der Deutschlandtour ist, dass wir journalistisch frei arbeiten können und aus dem Thema, der Geschichte das herausschälen können, was uns interessiert. Tabuthemen oder Vorgaben gibt es nicht. Außer der, dass es gut sein soll.

Kommen wir zum eigentlichen Thema: Die Soziale Markwirtschaft. Was bedeutet sie für euch?
Helge Oelert: Also für mich ist sie über die Jahre eigentlich zur leeren Phrase geworden, gerade darum fand ich die Idee spannend, mich mal auf die Suche nach ihrer Bedeutung für die Wirklichkeit zu machen. Ich bin in ihr aufgewachsen, hatte also nie Grund, mich über sie zu freuen – sie war irgendwie immer da. Und wenn es Meinungsverschiedenheiten gab, dann über Details wie die Höhe der Lohnabschlüsse oder die Einführung der Pflegeversicherung. Aber wer heutzutage als Journalist unterwegs ist, dem begegnen immer wieder einzelne Schicksale oder auch ganze Regionen, wo man das Gefühl hat: Hier funktioniert die soziale Marktwirtschaft wirklich nicht mehr. Ohne sagen zu können, was genau es ist, das nicht funktioniert. Aber es ist wie mit dem Wald und den Bäumen – wenn man mittendrin steht, ist es schwer, sich ein Bild vom Großen und Ganzen zu machen. Das wollten wir auf der Reise versuchen.



Braucht Deutschlands Wirtschaft mehr Freiheit oder mehr Sozialstaat?
Miriam Janke:
Beides, das ist mir auf der Tour noch einmal klar geworden. Ich bin ein Kind des Sozialstaats, ich habe Bafög bekommen und ein Stipendium von einer Stiftung, die Geld vom Staat bekommt. Natürlich schlucke ich da, wenn ich sehe, dass meine Eltern nach über 40 Jahren sozialversicherungspflichtiger Arbeit dann später in Rente gehen konnten, als es jahrzehntelang üblich war. Und dann eine Rente bekommen, die nicht wahnsinnig hoch ist. Andererseits macht die viele Sicherheit, die unser Land trotz allem noch bietet, auch Angst, nämlich Angst vor ihrem Verlust. Einerseits paradox, weil wir ja zum Beispiel gegen Tod und Teufel ver- oder abgesichert sind. Andererseits verständlich – die Menschen haben sich an Rente und bezahlten Urlaub gewöhnt und solch ein kollektives Gut bedroht zu sehen, fällt schwer.

Wie habt ihr die Stimmung im Land eingeschätzt, bevor ihr gestartet seid?
Helge Oelert:
Ich hatte die Stimmung eigentlich regional unterschiedlicher erwartet. Ich hatte gedacht, im Süden herrscht Optimismus, und je weiter wir in nord-östlicher Richtung kommen, desto stärker wird die Frustration. Das war aber gar nicht so eindeutig. Natürlich spielen regionale Arbeitslosenquoten und Zukunftschancen eine Rolle, aber ein Muster ist mir eigentlich überall begegnet: Grundsätzlich finden die Leute das Konzept Soziale Marktwirtschaft gut und sind auch bereit, sich dafür zu engagieren. Aber das, was sie in der alltäglichen und auch in der politischen Realität wiederfinden, hat für sie zu wenig mit der Theorie zu tun.

Inwiefern unterscheiden sich die Einstellungen der jungen und alten Menschen zur Sozialen Marktwirtschaft?
Miriam Janke:
Viele Ältere können Umbrüche über Jahrzehnte mitverfolgen und haben einen anderen Überblick – da bekommen manche den Eindruck, dass vieles schlechter wird, das sind Verfallsgeschichten, die sie erzählen. Andererseits gibt es auf der Tour auch viele im mittleren Alter, die betont haben, wie gut es ihnen im Vergleich zu ihren Eltern, zur Kriegsgeneration, geht. Und viele junge Leute sind mit Krisenerfahrungen aufgewachsen – sei es der 11. September oder nun die Finanzkrise. Die planen das Hinfallen mit ein und überlegen sich pragmatisch, wie man wieder aufsteht.

Was war euer schönstes Erlebnis bislang?
Helge Oelert:
Auch wenn es Miriam und Sophie langsam nervt, dass ich ständig wieder davon anfange – mich fasziniert die Geschichte aus Unna am meisten: Ein Unternehmen steht vor der Pleite, aber ein einzelner Mitarbeiter schafft es, den Banken einen Rettungsplan vorzulegen und kauft das Werk mit geliehenem Geld. Dann schenkt er seinen Kollegen ein Viertel der Anteile, sodass nun alle Mitbesitzer sind, und seither floriert das Werk und es können sogar neue Leute eingestellt werden. Natürlich ist das ein Einzelfall, aber es macht Hoffnung, dass man aus Krisen auch gestärkt hervorgehen kann.



Ihr habt unter anderem bei Prominenten wie Oliver Kahn oder Franz Beckenbauer nachgefragt. Alle scheinen die Soziale Marktwirtschaft positiv zu bewerten: Ralf Rangnick findet einen hohen Steuersatz in Ordnung, so lange das Geld in die richtigen Hände fließt und Franz Beckenbauer sieht die Schuld an der Finanzkrise bei den Bankern, die er am liebsten „auf den Mond schießen“ würde. Handelt es sich wirklich nur um ein paar Größenwahnsinnige, denen das Wohl der Gesellschaft egal ist oder ist auch der kleine Mann den kapitalistischen Mechanismen verfallen und würde sich nur um sich selbst scheren, wenn er es nur könnte? Wie sozial ist der Mensch?
Miriam Janke:
Über diese Frage haben wir uns unter anderem mit Jobst Müller-Trimbusch unterhalten, einem Banker, mit dem wir Monopoly gespielt haben – aus dem Gespräch ist dann der Beitrag „Maßlos am Main“ entstanden. Welche Rolle hat Gier jetzt bei der Finanzkrise gespielt? Und war es nur die Gier der Großen oder auch die Gier des kleinen Anlegers, der eine irre Rendite bekommen will? Die soziale Frage liegt gerade wieder in der Luft. Überraschend finde ich auf der Tour, wie viele Leute sich für etwas engagieren, sei es ehrenamtlich oder auf besondere Art in ihrem Beruf. Klar, wir haben viele „Macher“ getroffen, unsere Protagonisten waren oft fitte Menschen mit Mission. Es tut gut, zu sehen, dass es eine gewisse Energie und ein Engagement gibt. Eben eine soziale Ader, die in der Gesellschaft nicht verloren gegangen ist – trotz aller Klagen über soziale Kälte.

Nachdem ihr nun ein bisschen was gesehen habt: Für wie sozial haltet ihr deutsche Arbeitgeber?
Helge Oelert:
Unmöglich, das in einer Antwort zusammenzufassen. Vielleicht können Krisen zeigen, dass die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmer nicht immer total gegensätzlich sind. Wenn ein Unternehmen Pleite geht, haben beide verloren, manchmal sogar die Arbeiter mehr als ihre Chefs. Und wenn es boomt, sollten beide Seiten eine Verbesserung ihrer Lebensumstände erwarten dürfen. Mir hat das Beispiel vom Gründer des Brillenherstellers „ic! berlin“ imponiert. Der begreift sich als Organisator einer großen Kreativ-WG, in der jeder seine Eigenheiten nach gewissen Regeln einbringt – und am Ende profitiert der ganze Laden davon. Aber natürlich gibt es auch Chefs, die Löhne drücken und sich gleichzeitig noch dickere Dienstwagen zulegen. Doch wir haben ein paar Beispiele gefunden, die hoffen lassen, dass so ein Selbstverständnis des Arbeitgeberdaseins ein Auslaufmodell ist.

Wenn ihr Michael Sommer, den Vorsitzenden des deutschen Gewerkschaftbundes, einen Satz mit auf den Weg geben könntet – wie würde dieser lauten?
Miriam Janke:
Dass deutsche Gewerkschafter in einem Land leben, in dem Milch und Honig fließen. So hat mir das auf dem DGB-Kapitalismus-Kongress, auf dem ich dieses Jahr war, zumindest ein spanischer Gewerkschafter wortreich erzählt. Er war total begeistert, dass sich hier Arbeitnehmer um ihre Rechte kümmern und Gewerkschaften stark sind. Ich fand das ganz normal; ich bin zum Beispiel im Deutschen Journalisten-Verband! Der Spanier hat mir dann bei Grillwurst und Bier sein Leid geklagt. Zum Schluss haben wir uns darauf geeinigt, dass das große Gebilde Europa auch das eines Tages angleichen wird – starke Gewerkschaften, einheitliche Bananenlängen und EasyJet-Tourismus von Portugal bis Litauen!

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