Dienstag, 15 Dezember 2009
Ausprobiert: Horch, was tönt von draußen rein?
Von Jim-Bob Nickschas
Es ist ein sehr seltsames Gefühl, das mich an diesem Morgen überkommt. Ich sitze beim Frühstück, der Tag ist noch jung. Er soll besonders werden, ein Tag ohne laute Geräusche. Mein Computer wird ausgeschaltet bleiben, das Telefon ist es bereits. Auch mein Handy soll keinen Ton von sich geben, ebenso wenig wie der Fernseher und das Radio. Alle Geräuschquellen habe ich beseitigt.

Mein Experiment kann beginnen. Warum ich mir das antue? Ich lehne mich auf gegen den Alltagsstress. Jeden Tag werden wir von Tausenden Geräuschen begleitet, überall piept und klingelt es, wird geredet oder Musik gespielt. Auf Dauer kann das ziemlich anstrengend sein. Deshalb will ich es heute anders machen.
An diesem Vormittag muss ich mehrfach dem Impuls widerstehen, das Radio anzuschalten. Normalerweise lasse ich mich nämlich ganz gerne von ein wenig Musik berieseln, gerade beim Kochen oder Staubsaugen. Letzteres fällt heute natürlich auch aus. Und so koche ich ohne Musik, esse, ohne nebenbei fernzusehen. Ungewohnt ist das, weil man sich dessen, was man gerade macht, viel bewusster wird. Beim Essen konzentriere ich mich viel mehr auf den Geschmack, als wenn ich dabei fernsehe oder Musik höre. Lassen sich unsere Sinne so leicht ablenken? Am Nachmittag dann der erste Blick aufs Handy. Noch keine SMS? Klar, das Ding ist ja ausgeschaltet! Irgendwie fehlt es mir schon, zu wissen, was meine Freunde gerade machen. Auch die Stille in der Ecke, wo das Telefon steht, kommt mir so komisch vor, dass ich ständig einen kurzen Blick dorthin werfe – um dann festzustellen, dass es heute gar nicht klingeln kann. Ich hätte nie gedacht, dass man Geräusche vermissen kann.
Während ich also in meinem Sitzsack liege und ein Buch lese, lausche ich in die Stille hinein, die seit heute früh in meiner Wohnung herrscht. Es ist zwar ungewohnt, aber nicht unangenehm. Ehrlich gesagt, genieße ich diese Ruhe sogar. Wenn man weiß, dass man nicht gestört werden kann, fällt es leichter, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Auf der anderen Seite stelle ich fest, dass es so richtig still in meiner Wohnung gar nicht ist, Ohropax hin oder her. Das konstante Brummen meines Kühlschranks habe ich noch nie richtig wahrgenommen. Und wieso tickt die Uhr an der Wand eigentlich so laut? Auch die vorbeifahrenden Autos auf der Straße waren mir bisher nicht sonderlich aufgefallen. Jetzt aber höre ich genauer auf das Rauschen vor meinem Fenster.
Plötzlich meint mein Nachbar , auf seiner Geige üben zu müssen. Was fällt diesem Gelegenheitsmusikanten eigentlich ein? Merkt der nicht, dass er mein Experiment sabotiert? Ich gehe rüber, klopfe an seine Tür und erkläre ihm meine Situation. Er zuckt erstaunt mit den Schultern. So ein bisschen Musik schade doch niemandem. Ignorant!, denke ich und verkneife mir jeglichen Kommentar darüber, was denn nun echte Musik ist und was nicht.
Am Abend dann sitze ich über dem Stoff für die nächsten Vorlesungen. Kein Fernsehen, keine Musik, kein klingelndes Handy – nur die vielen Blätter Papier, die beim Hin- und Herschieben etwas rascheln, und mein verzweifeltes Ächzen stören die Ruhe. Inzwischen habe ich mich an die Stille gewöhnt, und als ich am Abend im Bett liege, denke ich bei mir: Eigentlich gar nicht schlecht, so ein Tag der Stille. Man nimmt seine Umgebung viel intensiver wahr als sonst. Vielleicht kommt man sich sogar selbst ein kleines Stückchen näher. Morgen ist es mit der Ruhe allerdings wieder vorbei – man kann ja nicht auf alles verzichten. Aber vielleicht könnte man so einen stillen Tag ja regelmäßig einlegen? Ich glaube sogar, ich könnte mich mit diesem Gedanken anfreunden. Denkt doch auch mal drüber nach – in aller Ruhe natürlich.
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Foto: istockphoto.com
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