Freitag, 23 Juli 2010
Porträt: Manuela Schwesig im Rekordtempo
Von Jan Kuhlmann
Die SPD-Sozialministerin aus Mecklenburg-Vorpommern ist die große Hoffnung ihrer Partei. Sie verkörpert eine neue Generation: charmant, selbstbewusst, ehrgeizig

Im Märchen geht die Geschichte vom Herrscher, der mehr über die Sorgen seiner Untertanen erfahren will, so: Der König lebt abgeschottet im Schloss, wo Schmeichler ständig seine Weisheit rühmen. Weil er den Lobhudeleien misstraut, mischt er sich eines Tages verkleidet unters Volk. Unerkannt hört er dort, was die Menschen tatsächlich plagt und vor allem:Was sie wirklich von ihm, dem Monarchen, denken. Viel Gutes dringt nicht an seine Ohren. Ernüchtert, aber erhellt kehrt er in sein Schloss zurück, ändert seine Politik und herrscht als gerechter König. So weit das Märchen.
An einem Montag Anfang Juli mischt sich Manuela Schwesig auch unter das Volk, nur der Trick mit der Verkleidung funktioniert in der Mediendemokratie voller Fotohandys und Leserreporter nicht mehr. Der moderne Politiker muss ganz offiziell durchs Land reisen, wenn er wissen will, wo den Bürger der Schuh drückt. Schwesig, SPD-Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, führt der Weg von Schwerin über Stralsund, Greifswald und Anklam wieder zurück in die Landeshauptstadt. Fast 500 Kilometer an einem Tag. Sie sitzt auf der Rückbank einer Limousine und sagt: „Ich lebe als Politikerin davon, dass ich mir die Dinge praktisch vor Ort selbst anschaue. Ich muss wissen, wovon ich rede. Das ist eine Frage der Authentizität.“ Und eine der Bodenständigkeit.
Schaut man sich die Karriere der Manuela Schwesig an, wäre es erklärbar, wenn sie die Bodenhaftung ein wenig verloren hätte. Der Aufstieg, den sie in nur sieben Jahren erlebt hat, klingt märchenhaft: von einer Finanzbeamtin mit Mitte dreißig nicht nur zur Ministerin, nein, sondern gleich zu viel mehr – zur Hoffnungsträgerin der SPD. Seit dem vergangenen Herbst ist sie stellvertretende Bundesvorsitzende der Sozialdemokraten. Sie verkörpert das frische und hübsche Gesicht der SPD. Wie eine blonde Prinzessin, die ihre Partei wachküssen soll.
Mit Ende zwanzig entschied sich Schwesig für die SPD, weil sie schon früh im Leben gemerkt hatte, „dass du was erreichen kannst, wenn du dich einsetzt“. Die Partei im Norden ist arm an Talenten der Kategorie Schwesigs: gescheit, redegewandt, sympathisch, mit festem Willen, gutaussehend. 2004 sitzt sie schon im Schweriner Stadtparlament. Als drei Jahre später eine Fünfjährige den Hungertod stirbt, spielt der CDU-Oberbürgermeister den Fall herunter. Die Stadt habe schlichtweg Pech gehabt, sagt er. Da kommt eine wichtige Eigenschaft Schwesigs zutage: Sie redet Klartext. Sie fordert energisch Aufklärung. Zum ersten Mal ist ihr Name bundesweit zu hören. 2008 holt Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschef Erwin Sellering das Talent in sein Kabinett. Da ist sie erst 34.
Politiker können leicht die Bodenhaftung verlieren, weil sie wie der König im Märchen unter einer Glaskugel leben, wenn sie nicht aufpassen. Sie bewegen sich zwar im Land, erleben aber oft nur eine wohlarrangierte Realität. Trotz ihres vermeintlich schlechten Rufs werden sie gerne hofiert, umgarnt und getätschelt, wo sie auftauchen – je mächtiger sie sind und je mehr Geld sie zu verteilen haben, desto breiter und länger ist der rote Teppich, der ihnen symbolisch ausgerollt wird.
Auch Schwesig erfährt das an diesem sonnigen Tag gleich bei ihrem ersten Besuch in einer Stralsunder Beschäftigungsgesellschaft, die sich um die schweren Fälle unter den Arbeitslosen kümmert. Sie pflegen hier einen Erlebnisgarten mit Blumen, Gemüse und Obst, halten die Minigolfanlage in Schuss oder restaurieren Möbel für das „Soziale Kaufhaus“. Die GmbH lebt davon, dass die Politik sie unterstützt.
Als Schwesig um kurz nach neun mit ihrer Limousine anrollt und aussteigt, wartet Ariane Kroß auf sie. „Frau Ministerin, ich freue mich unheimlich, sie zu begrüßen“, flötet die Geschäftsführerin, und von diesem Moment an ist ihr Wortschwall kaum noch zu stoppen. Sie wandert mit Schwesig über das Gelände, und läuft den beiden ein Mitarbeiter über den Weg, verkündet sie: „Das ist die Frau Ministerin.“ Mit denen, um die es eigentlich gehen sollte bei diesem Besuch, mit den Langzeitarbeitslosen, kommt Schwesig kaum ins Gespräch. Obwohl sie sich bemüht. Immer wieder schleicht sie sich davon, um mit dem jungen Mann auf dem Feld oder der Küchenhilfe zu reden. Smalltalk, um etwas über die Realität zu erfahren.
Wie die Menschen draußen ticken, weiß die junge Frau dennoch. In der eigenen Familie musste sie erfahren, was Arbeitslosigkeit heißt. Sie wächst im brandenburgischen Seelow auf. Als die Mauer fällt, verliert ihr Vater den Job. Bedrückt ist die Stimmung auf einmal zu Hause, die Kinder leiden. Das ist auch heute ihr Thema. Sie kämpfe für „soziale Gerechtigkeit mit Fokus auf Kinder“, sagt sie und fügt einen ursozialdemokratischen Satz hinzu: „Ich möchte das Leben besser machen.“ Mit dieser Attitüde fällt sie schon auf, als sie das erste Mal im Schweriner SPD-Ortsverein Schelfstadt auftaucht. „Sie ist immer nachdrücklich für die Schwachen eingetreten“, erinnert sich ihr Schweriner Parteifreund Peter Erdmann, 77 Jahre alt. „Sie ging vor allem auf die Älteren zu, ohne sich anzubiedern.“
Wohl auch deshalb eignet sich die verheiratete Mutter eines Sohnes für die SPD so gut dazu, als Familienpolitikerin erst den Widerpart Ursula von der Leyens und jetzt Kristina Schröders zu geben. Ihr Kind bringt Schwesig jeden Morgen selbst in den Kindergarten. „Mein Sohn weiß nicht, dass ich Ministerin bin“, sagt sie. „Das interessiert ihn auch gar nicht. Ich habe einen fröhlichen Familienalltag mit den kleinen und großen Sorgen, wie viele andere auch.“ Das erde sie, sagt Schwesig.
Bevor sie nach Berlin kam, blickte sie mit Skepsis auf die Politik in der Hauptstadt. „Was ich gesehen habe, hat mich abgeschreckt“, erzählt sie. „Ich hatte den Eindruck: Berlin ist wie ein großes Raumschiff.“ Überhaupt, sagt sie, könne sie verstehen, warum Politiker ein schlechtes Image hätten: „Oft werden Dinge versprochen, die nicht gemacht werden.“ Viele Politiker arbeiteten ohne Ideale. Da spricht eine Frau, die sich von der Politik noch nicht hat fesseln lassen. Vor der Bundestagswahl lud Frank-Walter Steinmeier sie zum Essen ein. Der SPD-Kanzlerkandidat wollte Schwesig in sein Wahlkampfteam holen. Er brauchte eine Weile, um sie zu überzeugen.
„Als Quereinsteigerin ist sie keine typische Politikerin“, sagt Vincent Kokert, CDU-Generalsekretär Mecklenburg-Vorpommerns. Er kennt Schwesig aus der Arbeit im Landtag, wo SPD und Union koalieren. „Parteipolitisch ist sie noch nicht so glatt geschliffen.“
Und trotzdem: Sie hat im Rekordtempo gelernt, wie Politik und Medien funktionieren. Interviews gibt sie so routiniert, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Kritik am politischen Gegner geht ihr leicht von den Lippen. Sie kann sehr ernst und distanziert reden, gerade im Gespräch mit Journalisten. Der Mensch Schwesig ist dann hinter der Politikerin kaum zu erkennen, höchstens Mal in einem flüchtigen Lächeln. Da zeigt sich eine Frau, die genau weiß, was sie möchte, und die vor Macht nicht zurückschreckt: „Macht heißt für mich, Gestaltungsmöglichkeiten zu haben“, sagt sie. „Ich möchte nicht die nette Sozialtante sein, sondern eine Politikerin, die sich durchsetzt.“ Ihr Vorbild ist Brandenburgs frühere Sozialministerin Regine Hildebrandt, die enervierend engagiert sein konnte. Auch Schwesig handle „sehr resolut“, sagt CDU-Mann Kokert: „Führungsschwäche kann man ihr jedenfalls nicht vorwerfen.“
Manuela Schwesig, Jahrgang 1974, gehört wie die CDU-Politikerinnen Julia Klöckner oder Kristina Schröder zu einem recht neuen Typ der politischen Elite: junge Frauen, charmant, aber so selbstbewusst, ehrgeizig und professionell, dass sie niemand unterschätzt. Jede von ihnen könnte Ministerpräsidentin ihres Bundeslandes werden. Oder noch mehr. Nur vor Schmeichlern müssen sie sich hüten, die ihnen allzu viel Beifall klatschen. Ariane Kroß, die Chefin der Beschäftigungsgesellschaft, ist am Ende des Besuchs ganz begeistert von der Ministerin: „Das war toll mit Ihnen“, sagt sie zum Abschied. „Ich werde Sie jetzt bei allem unterstützen.“
Name und Alter?
Manuela Schwesig, 36 Jahre alt
Position?
Sozialministerin Mecklenburg-Vorpommerns und Vize-Bundesvorsitzende der SPD
Warum sind Sie in die Politik gegangen?
Demokratie lebt vom Mitmachen
Was bedeutet für Sie Macht?
Die Möglichkeit haben, etwas zu gestalten
Wer sind Ihre Vorbilder?
Regine Hildebrandt
Welche Eigenschaften brauchen Politiker?
Sie müssen ehrlich sein, zuhören können und durchsetzungsfähig sein
Was sollte ein Politiker niemals tun?
Sich wichtiger nehmen als den Rest der Welt
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Foto: SPD
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