Mittwoch, 25 November 2009
Spiele: Spielwelt vs. Realität
Von Pia Gurgel
Computerspiele sind inzwischen ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden: Jeden Tag spielen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt beliebte Rollenspiele wie „World of Warcraft“ und „Counter Strike“, in denen sie sich in bunten, virtuellen Welten mit anderen Spielern verbünden oder untereinander bekriegen. Pia Gurgel über das Phänomen PC-Spiel
Auch in Deutschland gibt es hunderttausende Fans, die mit ihren selbst erschaffenen Charakteren Tag für Tag unendlich weite Landschaften erkunden, mit oder gegen Orks, Zwerge und Gnome kämpfen und ihre persönlichen Helden weiterentwickeln.
Trotzdem geraten gerade Spiele wie „World of Warcraft“ immer wieder in die Kritik - Angeblich fördern sie das Gewaltpotenzial vieler Jugendlichen und stellen ein großes Suchtrisiko dar. Mehrere Studien allerdings haben ergeben, dass durch Medien vermittelte Gewalt (zum Beispiel in Computerspielen) nicht zwangsläufig die Ursache dafür ist, wenn jemand im normalen Leben gewalttätig wird.
Außerdem sollte man hierbei nicht vergessen, dass, obwohl die nicht unbedingt positive Wirkung von stundenlangem Computerspielen selbstverständlich nicht unterschätzt werden sollte, nur ein sehr geringer Prozentanteil der Spieler auch im realen Leben zu einer wahrhaftigen Gefahr wird. Alle Spiele haben auf eine gewisse Art und Weise stets etwas mit der realen Welt des Spielers zu tun.
Findet ein Jugendlicher ein Spiel besonders faszinierend, so liegt dies häufig daran, dass er die Inhalte des Spiels - in welcher Form auch immer - auf sein eigenes Leben übertragen kann. Was genau reizt also gerade junge Menschen so sehr an Games wie „World of Warcraft“ und Co.? Und wie kommt es, dass die virtuellen Welten eine derart zentrale Rolle in ihrem alltäglichen Leben einnehmen?
Weil häufig mit anderen Spielern zusammen gespielt wird, trifft und kennt man sich in den Online-Welten, die unserer realen Welt immer ähnlicher werden. Traf man sich früher zum Zeitvertreib draußen im Park oder beim Sport, tummelt sich die junge Internetgeneration heute lieber in Chats, Foren oder Netzwerkspielen. Gerade der Chat ist für sie eine Art „Kontaktraum“:
Spiel und Realität
Hier pflegen sie soziale Kontakte, tauschen sich mit Gleichgesinnten aus und können die Realität für eine Weile hinter sich lassen. Da man sich zu jeder Tageszeit und aus aller Welt am Spiel beteiligen kann, werden räumliche und zeitliche Grenzen überwunden. So passiert es, dass mitunter richtige Freundschaften entstehen, die teilweise sogar zu Liebesbeziehungen werden können.
Es heißt, dass ein Spiel auch immer etwas mit dem realen Leben des Spielers zu tun hat. Wie in der Realität müssen häufig bestimmte Aufgaben gelöst oder gewisse Ziele erreicht werden: Was im wahren Leben vielleicht die Zusage für einen Ausbildungsplatz ist, kann im Spiel die Weiterentwicklung des eigenen Charakters oder das Auffinden nützlicher Werkzeuge sein. So oder so geht es um Erfolg und Anerkennung, die jeder Mensch als Teil der Gesellschaft sucht. Die Bestätigung, ein Held zu sein und etwas richtig gemacht zu haben, gibt uns in realer und virtueller Welt gleichermaßen ein gutes Gefühl.
Hinzu kommt, dass der Mensch bekanntermaßen lange Zeit als Jäger und Sammler galt. Auch dieses Bedürfnis kann man in den meisten Computerspielen finden – Der Spieler ist ständig auf der Suche nach neuer, noch besserer Ausrüstung oder anderen Gegenständen, die ihm helfen, die Geschichte voranzutreiben. Außerdem muss man sich immer wieder bewähren (beispielsweise durch Kämpfe gegen andere Spieler) und Prüfungen bestehen; eben genau wie im realen Leben auch.
Bei genauerer Betrachtung wird klar, dass sich eigentlich im Vergleich zu früheren Generationen nicht viel verändert hat: Was Kinder und Jugendliche früher aus Märchen und Sagen lernten, können sie heute in Computerspielen austesten und dadurch ausprobieren, welche Tragweite ihre jeweiligen Entscheidungen eventuell haben.
Auch sie lernen letztlich, sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und sich ihr zu stellen – Mit dem einzigen Unterschied, dass sie dies in einer Welt tun, die sich ganz deutlich von unserer Realität absetzt. Solange dieser Unterschied erkannt und wahrgenommen wird, kann der Spieler aus den virtuellen Simulationen durchaus Dinge lernen, die er dann auf sein normale Leben übertragen kann.
Angestellte zum Spielen aufgefordert
Mehr und mehr Unternehmen entdecken in den beliebten Online-Games genau diese Vorteile und versuchen, die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter mithilfe von Rollenspielen zu trainieren. Einige Firmen gehen dabei sogar soweit, dass sie ihre Angestellten eindrücklich dazu auffordern, sich einen Account bei „World of Warcraft“ zuzulegen und sich mehrere Stunden pro Woche mit dem Spiel zu beschäftigen.
Ein Manager des Computerherstellers IBM sagte einmal: „Das Spiel fördert unter den Spielern enorm die Führungsstärke. Es lehrt, Risiken einzuschätzen, Gruppen gezielt für ganz besondere Ziele aufzubauen. Und es lehrt Einzelne sogar, nicht überzureagieren, wenn sie für ein spezielles Ziel nicht ausgewählt werden.“ Alles Eigenschaften also, die man gerade in anstrengenden und stressigen Positionen gut gebrauchen kann.
Es kommt also immer darauf an, aus welcher Perspektive man die Debatte um die Gefahr von Online-Spielen betrachtet. Es ist nicht das Spiel selbst, was jemanden dazu veranlasst, gewalttätig zu werden: Ein Jugendlicher, der ein sicheres Umfeld hat und unter „normalen“ Bedingungen aufwächst, ist insgesamt wahrscheinlich weniger anfällig und beeinflussbar als jemand, der nur instabile Verhältnisse kennt. Das Problem liegt hierbei also häufig nicht bei dem Kind selbst, sondern vielmehr bei seiner Umgebung, sprich Eltern und Freunden, die sich nicht ausreichend genug kümmern.
Es ist wichtig, den richtigen Zugang zu Computerspielen zu finden und vernünftig mit ihnen umzugehen. Dies bedeutet konkret, dass gerade auch Eltern sich damit beschäftigen sollten, was und insbesondere wie lange ihre Kinder spielen; denn nur so können sie dabei den Überblick behalten. Nur wer dazu bereit ist, sich diesen neuen Welten zu öffnen und Interesse an der Welt ihrer Kinder zu zeigen, kann diese verstehen lernen und einen Zugang zu deren Freizeitgestaltung finden.
Wenn dieser Schritt geschafft ist und sich so eine gemeinsame Basis ergibt, auf der Jugendliche und Eltern miteinander über die Spiele reden, können auch mögliche Probleme offen angesprochen werden: Wie viele Stunden sollten täglich gespielt werden? Leiden Hobbys, Freunde und Schule darunter? Und wie sieht es im Freundeskreis aus? Aufklärung und sorgsamer Umgang sind wichtig, und so schön die Flucht aus der Realität auch sein mag: es gibt trotzdem immer noch das wahre Leben, in dem schneller als gedacht aus Spaß Ernst werden kann.
© born-to-be-reporter.de „On Air Magazin“ 11/2009
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