Donnerstag, 28 Januar 2010
Angelaufen: „New York, I Love You“
Von Felicitas Kleiner
Im Jahr 2006 präsentierte Emmanuel Benbihy „Paris, je t’ aime“, eine Art filmischen Paris-Stadtplan, bei dem sich mehrere Kurzfilme namhafter Regisseure, gedreht in verschiedenen Arrondissements, zu einer facettenreichen Liebeserklärung an die Stadt rundeten.
Die Kritik bezeichnete das Werk als „Hommage an ein Paris der Touristen, der Liebenden und der Filmemacher“. Ähnliches lässt sich von der Weiterführung des Projekts sagen, die sich eine weitere „mythische“ Metropole vornimmt: New York. Erneut geht es weniger darum, sich an der Stadt als sozialem Raum abzuarbeiten, als vielmehr darum, an ihrem Mythos mitzuweben und ihn zu feiern. Auch hier sind es bezeichnenderweise nicht die einschlägigen „lokalen“ Filmemacher wie etwa Woody Allen oder Spike Lee, die hinter die Kamera gebeten wurden, sondern eine internationale Crew prominenter Regisseure, neben Fatih Akin u.a. Shunji Iwei, Yvan Attal und Shekhar Kapur.
Ihre filmischen Erkundungen sind meist nicht daran interessiert, Einblicke ins gesellschaftliche Gefüge der Stadt zu liefern, sondern nutzen diese vielmehr als mit Kinoträumen üppig aufgeladene Kulisse für kleine, großteils stimmig entwickelte Liebesgeschichten zwischen Figuren, die ebenfalls mehr dem Filmkosmos als dem wirklichen Leben entsprungen scheinen. So gibt Andy Garcia in Jiang Wens Chinatown-Episode den überlegenen Lebemann, wie man ihn auch aus seinen Auftritten in der „Ocean’s“Reihe kennt; Eli Walach und Cloris Leachman zanken sich in Joshua Marstons Episode an der Uferpromenade des Brighton Beach als altes Ehepaar in bester Woody-Allen-Manier; Maggie Q und Robin Wright Penn verkörpern in zwei Vignetten von Yvan Attal schlagfertig-selbstbewusste Ladies, wie man sie aus „Sex and the City“ kennt. Bedauern darüber, dass hier eigentlich nur bekannte Standards abgerufen werden, stellt sich allerdings kaum ein angesichts der pointierten Dialog-Duelle, die dabei auf den Zuschauer losgelassen werden. Einen großer Teil des Reizes dieser Kompilation ist der Spaß am Film-Handwerk. Da die einzelnen Beiträge nicht durch Titel von einander getrennt, sondern elegant miteinander verbunden werden, kann man bis zu den Schluss-Credits lustvoll die filmischen Handschriften dechiffrieren und spekulieren, welche Episode von welchem Regisseur stammt.

Einige der Beiträge um zufällige Begegnungen, verwegene oder schüchterne Annäherungsversuche, Begehren, Sehnsucht, Trauer und alle möglichen anderen Schattierungen der Liebe könnten eigentlich auch in anderen Großstädten spielen – allerdings nicht der Beitrag von Brett Ratner, spielen darin doch der Central Park und der vergleichsweise hohe Anteil von dem Method Acting verpflichteten Schauspielern an der Gesamtbevölkerung New Yorks eine wichtige Rolle. Ratner, in Hollywood vor allem ein Mann für Actionfilme, überrascht hier mit einer leichtfüßigen Romantic Comedy um die zunächst wenig vielversprechende Abschlussball-Nacht eines 17-Jährigen, die dann doch zu einem unerwarteten (sexuellen) Höhepunkt findet. Ebenfalls eine angenehme Überraschung ist das Regiedebüt der Schauspielerin Natalie Portman, die nach ihrem eigenen Drehbuch im Central Park eine anrührende Vater-Tochter-Geschichte beisteuert und wie nebenbei ethnische Ressentiments aufs Korn nimmt. Natalie Portman überzeugt darüber hinaus auch als Darstellerin im Beitrag der in York lebenden Inderin Mira Nair, die eine elektrisierende Begegnung zwischen einem indischen Anhänger des Jainismus und einer orthodoxen Jüdin schildert und New York als interkulturelle Metropole zeigt, die eben kein „Melting Pot“ ist, sondern ein von den Spannungen seiner kulturellen Vielfalt gezeichneter Raum.
Am denkwürdigsten unter den Kurzfilmen dürfte Shekhar Kapurs wehmütig-surrealer Beitrag aus der Upper East Side sein, schon deswegen, weil er sich eigentlich dem Konzept des Gesamtprojekts verweigert und weder dessen optimistischen Grundton übernimmt noch die Stadt als solche zum Mitspieler werden lässt. Von New York ist hier kaum etwas zu sehen; der Film spielt fast ausschließlich in den kahlen Innenräumen eines alten Hotels, in dem sich eine ehemalige Operndiva ein Zimmer nimmt und dabei dem hinkenden Pagen und dem alten Mann von der Rezeption begegnet: drei von Melancholie überschattete Menschen in einem schönen, aber wenig heimeligen, sondern fast etwas geisterhaften Unort zwischen Gegenwart und Erinnerung – New York ist hier weniger eine konkrete Stadt als nur eine moderne, anonyme Metropole, in der letztlich alle Fremde sind.
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© Fotos: Concorde
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