Mittwoch, 26 Mai 2010
Krimis: Blut muss fließen
Von Jürgen Bräunlein
Mit Gewalt und Sadismus buhlen Kriminalromane und Kinofilme erfolgreich um ihr Publikum. In der herrschenden Ästhetik der Verrohung ist kein Platz mehr für Schönes und Subtiles.

In den Schaufenstern der Buchhandlungen trieft Blut von schwarzen Covern. Auf Plakatwänden buhlen „Der sichere Tod“ (Suhrkamp), „Todesspiele“ (Knaur) und „Schneller als der Tod“ (Fischer) um die Gunst vorbeiflanierender Passanten. Auch die Stapelware im Ladeninneren bringt den Tod:„Blutstrafe“, „Leichengift“, „Ausgelöscht“. Lesend zu erleben sind sadistische Folterszenen, qualvolle Verstümmelungen bei lebendigem Leib, obszöne Ritualmorde und detaillierte Leichenobduktionen. Kurzum: bedrückende Welten degenerierter Grausamkeiten. Nicht nur Psychothriller, Krimi- und Fantasyromane, auch andere Genres schwimmen im Blut. Spielt ein historischer Roman im Mittelalter, wartet er in der Regel auch mit einer brutalen Vergewaltigungsszene auf. Dabei sind die psychischen Folgen solcher Taten meist kein Thema.
Drastisch, plastisch, blutig: Je schrecklicher die perversen Abgründe, in die zu schauen erlaubt ist, desto erfolgreicher sind die Bücher. Dass Autoren und Verlage die Dosis ständig erhöhen, kann man ihnen deshalb nicht verdenken. Ein sanftes Dahinscheiden mit Arsen im Tee wie noch bei Agatha Christie oder ein Mord mit Halstuch wie bei Francis Durbridge bringt niemanden in die Bestsellerlisten. Vorbei auch die Zeiten, als es für den Schrecken des Zuschauers noch ausreichte, wenn jemand auf der Leinwand plötzlich aus dem Dunkel hervorsprang.
Willkommen beim Pathologen
Mit Wehmut erinnert man sich an Alfred Hitchcocks Duschszene in „Psycho“ – damals, im Jahr 1960, war das die Schockersensation schlechthin. Das Entsetzen beim Zuschauer entstand jedoch lediglich durch erhaschte Fragmente eines letztendlich weitgehend ausgesparten Gräuels. Qualen und Sterben des Opfers wurden nicht wirklich gezeigt, sondern vom Betrachter im Kopf erst zusammengesetzt. Hitchcock hat alles nur angedeutet. Gerade das lässt seine Suspense-Thriller noch heute so besonders, ja geradezu moralisch erscheinen: Mit dem blutigen Gemetzel, das seine Schurken anrichteten, machte er sich nicht gemein. Er blieb auf Distanz, auf der Seite der Opfer.
Heute hingegen ist der gezielte Einsatz von Schockmomenten längst zur Routine geworden. In vielen Krimiserien sind Pathologen zu den Hauptfiguren aufgestiegen: Mit Akribie und ohne Sinn für Ekel widmen sie sich den verstümmelten und verwesten Opfern grässlicher Taten. Der zerstörte Leib ist zur Attraktion einer verrohten Kultur des Zuschauens geworden. Dabei wird das Grauen bis ins Kleinste ausgeschlachtet. Der Blick in das Gesicht leidender und sterbender Opfer ist der ultimative Kick. In einem perversen Wettstreit ringen die Regisseure darum, die Kamera möglichst lange auf die schmerzverzerrten Züge der Gequälten und auf ihre fürchterlichen Wunden zu halten.
Auch die 3-D-Technik, die fürs Kino gerade neu entdeckt wird, dient vor allem dem Ausreizen spektakulärer, brachialer Effekte. Gefährliche Geschosse knallen dem Zuschauer scheinbar direkt vor die Nase. Im Film „Avatar“ ist es schon mal ein Gewehrlauf, der sich in Richtung des Zuschauers entlädt. Immer nur mit Gewalt sollen das Publikum überrumpelt werden. Aber selbst das haut den Rezipienten kaum mehr vom Kinosessel. So dickfellig ist er schon geworden.
Wenn heute jemand das Geständnis ablegt: „Ich kann kein Blut sehen!“, klingt das nur noch wie das putzige Bekenntnis einer irgendwie zu feinsinnigen, auf alle Fälle aber weltfremden Seele, nicht aber wie der Hinweis auf eine möglicherweise humane Gesinnung. Jemand, der sich im Kino bei einer Szene voller Gewalttätigkeiten die Augen zuhält oder sich vor Abscheu wegdreht, wird von den anderen angestarrt, als gehöre er nicht mehr in unser Jahrhundert, was möglicherweise ja zutreffen mag.
Eine merkwürdige Gewöhnung hat eingesetzt, eine Abstumpfung gegenüber all diesen inszenierten Ungeheuerlichkeiten. Computerspiele, die zum risikolosen Einüben in brutale Zweikämpfe einladen und mit anhaltender Begeisterung gespielt werden, sind nur das auffälligste Beispiel einer schleichenden Entwicklung, über deren gesellschaftliche Tragweite überraschend wenig nachgedacht wird. Doch dafür gäbe es genügend Anlässe.
Lars von Triers jüngstes Werk „Antichrist“, das letztes Jahr auf den Filmfestspielen in Cannes seine Premiere feierte, attackiert die Zuschauer mit einer grauenerregenden Kastration und einer nicht minder entsetzlichen weiblichen Genitalverstümmelung. Der Film ist, wie zur Abfederung aller gezeigten Taten, in hochartifizielle Bilder gegossen. Dass er Andrej Tarkowski gewidmet ist, verweist auf die bizarre Innovation, die Lars von Trier da gelungen ist. Der „Autorenfilm“ dringt in Bereiche vor, die bislang dem Hardcore vorbehalten waren. Hier geht es nicht um ein triviales Vergnügen dumpfer, ungebildeter Menschen, die es nicht besser wissen, oder um „Trash-Kunst“ als Randphänomen der Subkultur. Nein, der brutale Gestus des Vorzeigens hat die kulturelle Mitte erreicht.
Natürlich gibt es viele gute Gründe, warum jede zivilisierte Gesellschaft ohne fiktive Gewaltdarstellungen nicht auskommt. Man muss nicht Freud bemühen, um anzuerkennen, dass dem Menschen auch Todestrieb und Lust an der Gewalt in die Gene gelegt wurden. Die Neigung zur Aggressionsausübung muss deshalb immer wieder gezügelt und kanalisiert werden. Auch dazu dienen die Erzeugnisse von Kunst und Kultur. Hier darf genossen werden, was als unmittelbare Äußerung gesellschaftlich verboten wäre. Zudem hat das ersatzweise Erleben von Horror und Grauen in Filmen und Büchern auch anderes für sich. Man setzt sich auf Umwegen mit den eigenen Ängsten auseinander, ohne direkt damit konfrontiert zu werden. Früher delektierten sich die Menschen an öffentlichen Hinrichtungen und Marterungen, die beliebte Jahrmarktsattraktionen waren. Von solchen barbarischen Verhältnissen sind wir heute weit entfernt. Trotzdem bleibt Unbehagen.
Vor wenigen Monaten erst sorgte das Erzähldebüt der Helene Hegemann für Furore. Der Roman „Axolotl Roadkill“ bietet scheinbar ungerührt ein ganzes Arsenal an schockierenden Grenzüberschreitungen feil. Die Geschichte einer 16-Jährigen wird da erzählt, bei der Sex, Drogen und Gewalt die einzigen Abwechslungen in einem gelangweilten, monotonen Leben darstellen. Pries die Kritik zunächst die Authentizität, die sie in den Zeilen zu spüren glaubte, zeigte sie sich später darüber erleichtert, dass es sich dabei nicht um Selbsterlebtes der zum Zeitpunkt der Niederschrift noch gar nicht volljährigen Autorin handelte. Vielmehr sind es angelesene und dann kunstvoll weiterphantasierte Erfahrungen aus zweiter oder gar dritter Hand.
Rotziges zum Rotwein
Möchte man dem Buch zugutehalten, dass es uns genau jene heimlich gewünschten unverdaulichen Brocken an Provokation und Tabubruch entgegenschleudert, so entkommt es andererseits auch nicht dem Dilemma, selbst ein profitables Produkt der Abstumpfungskultur zu sein. Der Roman, der zum Bestseller wurde, führt die Mechanismen der Verrohung eben nicht nur vor, er gibt sie auch zum Genuss frei. Man kann sich an dem gebetsmühlenartig wiederholten Ekel-Jargon auch weiden, während man gemütlich im Sessel sitzt, eine Bach-Kantate hört und genüsslich am Rotwein nippt. Der Versuch, vom Schrecklichen oder Entsetzlichen loszukommen, indem man es ständig reproduziert, kann auch eine Form des Gutheißens sein.
Die Nachkriegsdeutschen – und dafür möchte man sie fast beneiden – hatten offenbar wenig Gelüste nach fiktiven Grausamkeiten. War ihnen jeder Wunsch danach schon im Keim erstickt, weil ihnen der Schrecken von Bombardierung, Flucht und Vertreibung noch so in den Knochen steckte? Andererseits hatten sie doch auch manche Ohnmacht und massenhaft Ängste zu kompensieren: Armut, Wohnungsnot, Kriegstraumata. Trotzdem war ihnen eine Ästhetik der groben Überwältigung noch völlig fremd.
Und wir? Fühlen wir uns heute gar ohnmächtiger als die Menschen damals? Und das, obwohl uns ein immer noch hoher Wohlstand, ein stabiler Frieden und eine funktionierende Demokratie Lebensqualität in allen Bereichen bescheren müssten? Der Gedanke hat etwas zutiefst Beschämendes.
Fehlt uns heute eine echte Bedrohung, ein realer Schrecken, um unsere Lust am Erleben inszenierter Brutalitäten einzudämmen? Auffällig ist schon, wie schnell die Bevölkerung, angetrieben von den Medien, bereit ist, panisch daran zu glauben, dass Leib und Leben von Millionen in Gefahr sind. Oft genug stehen die dabei ausgelösten Ängste in keinem Verhältnis zur realen Bedrohung – man denke nur an BSE oder die Schweinegrippe. Vielleicht ist ja das menschliche Sensorium so auf das Spektakuläre fixiert, dass die Sucht danach erst in guten Zeiten so richtig zum Durchbruch gelangt. Doch was kommt danach?
Das Problem einer Gesellschaft, die sich schleichend in einer Abstumpfungskultur eingerichtet hat, in der nur mehr die Schläge mit dem Holzhammer zählen, liegt im Verlust aller Differenzierungen. Die Zwischentöne und die Nuancen, der Feinsinn und das bloß Angedeutete gehen verloren. Am Ende wird nur Aufsehenerregendes überhaupt noch registriert. Wie der Philosoph Christoph Türcke in seinem Buch „Erregte Gesellschaft“ feststellt, wird die Wahrnehmung des Spektakulären, die Sensation, zur Wahrnehmung schlechthin. Wo der Extremfall von Wahrnehmung zum Normalfall geworden ist, wird das Subtile in der Kultur ausgelöscht. Es benötigt Zeit, Konzentration und Anstrengung. Genau das ist dem Schock und der Überwältigung fremd.
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