Sonntag, 08 November 2009

Lesezeichen: Düstere Visionen (1)

Von Sylia Heiberg

Die Zukunft von gestern ist heute schon vorbei. Es ist Zeit für neue Visionen und viele Autoren haben sie bereits niedergeschrieben. Drei dieser Bücher stellt euch unsere Autorn Sylia in dieser Woche vor. Den Anfang macht Amélie Nothomb mit ihrem Titel „Reality Show“

Ist es falsch, Franzose zu sein? In Amélie Nothombs schmalem Büchlein, das in einer nicht näher bezeichneten Zukunft im Nachbarland spielt, drängt dieser Verdacht sich zumindest auf. Das Fernsehpublikum ist von Großen Brüdern und Super Nannys längst genervt. Ein noch größerer Kick muss her, um Zuschauer vor die Werbeblöcke zu hetzen.

Ein namenloser Sender, der hoffentlich privat ist, holt den größten Hammer aller Zeiten heraus: ein kameraüberwachtes Konzentrationslager. Gecastet sind hier nur die Aufseher. Die Gefangenen werden einfach von der Straße gekidnapped. Unter Schlägen und Hunger werden sie zu sinnloser körperlicher Schwerstarbeit gezwungen. Wer nicht arbeiten kann, wird hingerichtet.

Auch die Studentin Pannonica wird im Fernsehlager gefangen gehalten. Zufällig ist sie die Schönste unter den Insassen und wird damit unwissentlich von den Produzenten zum Publikumsliebling aufgebaut. Doch ebenso zufällig ist sie auch die pure Verkörperung der Integrität und entgleitet damit langsam, aber sicher der Kontrolle der Kamerakönige.

Ein wenig nervt sie ja schon. Ihr stummes und passives Leiden soll Charakterstärke verkörpern, gleicht jedoch eher einem Totstellreflex. Doch klammheimlich erobert Pannonica den Leser schließlich doch noch. Auf ihre sanfte und anfangs etwas lämmerhafte Art begint sie Nerven aus Stahl zu zeigen. Als die Aufseherin Zdena beginnt, Gefühle für ihr Opfer zu entwickeln und mit Privilegien lockt, startet eine lämmerlockige Erpressung: Pannonica fordert die Freilassung aller Gefangenen und die Absetzung der Sendung. Der Lohn, ganz tugendhaft: sie wird aufhören, Zdena zu verachten.

Immerhin geht der Plan auf, und so ergibt es am Ende doch noch Sinn, dass die stille Studentin als höchstes Ideal der Weiblichkeit gezeichnet wird. In "Reality Show" geht es schließlich um nichts Geringeres als um Leben und Tod, ein Thema dass so archetypisch ist, dass man wohl Archetypen bemühen muss um das Gute zu zeigen  und sei es ein so zurückhaltendes Wesen wie die Protagonistin. Wunderbar beschrieben ist die Gefühlswelt der Wärterin Zdena, die so durch und durchbaggressiv tickt, dass selbst die Liebe bei ihr nur aus blinder Wut heraus entstehen kann. Wie aus Besessenheit nach und nach echte Zuneigung wird, kann man nur bestaunen.

Das wirklich Spannende des Romans findet aber nur am Rande statt: Das Bild der Gesellschaft, in der so etwas passieren kann. Wo sind die Politiker, die diese Sendung erlaubt haben? Wer hat sie gewählt und warum? Warum kommentiert jeder, doch niemand fühlt sich verantwortlich?

Amélie Nothomb lässt diese Frage offen. Bei ihr gibt es nur Akteure und Zuschauer. Deutet sie damit an, dass wir alle uns einmal darauf besinnen sollten, dass wir nicht nur Publikum sind? Jeder von uns hat eine Fernbedienung. Ein paar graue Zellen zum Selbstbenutzen aber hoffentlich auch.

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