Sonntag, 08 November 2009

Lesezeichen: Düstere Visionen (2)

Von Sylia Heiberg

Die Zukunft von gestern ist heute schon vorbei. Es ist Zeit für neue Visionen und viele Autoren haben sie bereits niedergeschrieben. Drei dieser Bücher stellt euch unsere Autorn Sylia in dieser Woche vor. Weiter geht es diesmal mit Andreas Eschbach und seinem Buch „Ein König für Deutschland“

Ein Aufspürgerät für vermisste Socken. Roboter, die Toiletten putzen. Die Zwei - Tage - Woche. Es gibt viele Dinge, die dem Lande gut täten, wenn es sie denn gäbe. Stattdessen wird einem vom Leben meistens nutzloses Zeug präsentiert wie Neun Live oder die Schweinegrippe. Andreas Eschbach ergänzt die Liste des ungebetenen Glückes um eine deutsche Monarchie.

Es ist gruseligerweise nicht wirklich ferne Zukunft, was der Schöpfer des berühmten Jesus-Videos da vor uns ausbreitet. Es geht um aktuellste Gegenwart: Einen alternativen Verlauf der letzten Bundestagswahl. Die liegt nun erst wenige Wochen zurück, und egal, ob uns ihr Ausgang nun gefällt oder nicht, hat Volkes Stimme gesprochen.

Hat sie? Der für seine Gedankenexperimente berüchtigte Eschbach exerziert das Gegenteil durch: Was, wenn die Wahlergebnisse manipuliert wären?

Ein größeres Land jenseits des Atlantiks wurde jedenfalls acht Jahre lang von einem Verstandes-Erstklässler regiert, dem man nicht wirklich zutraut, tatsächlich von jemandem gewählt worden zu sein. Verschwörungstheorien sind seit je her beliebt und in Fällen wie diesem zumindest nicht völlig unplausibel. Hier nun setzt Eschbach an. Was, wenn die Wahlergebnisse manipuliert gewesen wären? Und wenn ja, von wem, warum, und wie hat der das angestellt?

Exakt die erste Hälfte hindurch schwächelt das Buch vor sich hin. Während Eschbach es für gewöhnlich versteht, von der ersten Seite an fesselnde Geschichten zu erzählen, langweilt er zweihundert Seiten lang mit der lustlos wirkenden Story des Programmierers Vincent. Der saß wegen einer Hackerjugendsünde im Gefängnis, jobbt nun in einem etwas zwielichtigen Softwareunternehmen und hat anscheinend die gleiche Mutter wie Bella Swan, eine nette, aber etwas naive Männerverschlingerin mit einer Vorliebe für häufige Umzüge.

Eventuell hätte diese Mama etwas Pep in den Romananfang gebracht, leider wird sie nur am Rande erwähnt und der Leser wird mit Vincent allein gelassen, mit dem ich bis zum Schluss nicht wirklich warm geworden bin. Ganze Kapitel bestehen aus nichts weiter als staubtrockenen Reporten über
die amerikanische Präsidentenwahl im Jahr 2000 und noch trockeneren Lektionen über das Programmieren.

Im Auftrag eines Lokalpolitikers schreibt der Klischeenerd pizzaamümmelnd ein Programm zur Manipulation von Wahlcomputern, nur zu Testzwecken natürlich. Ein erschreckend fader Schurke taucht auf, mischt sich ein, alles geht schief... und nichts davon hat mich beim Lesen wirklich berührt.

Zum Glück hat das Buch aber noch eine zweite Hälfte

Neben der schrillen Mutter hat Vincent nämlich auch noch einen Vater. Der ist Deutscher, taucht um Seite 200 herum herum erstmals auf, und von diesem Moment an ist der Roman gerettet. Simon König ist Lehrer für Geschichte und Gemeinschaftskunde und verweigert sich sowohl dem Fernsehen als auch dem Hausputz.

Mit schwäbischen Originalen kennt sich Eschbach offensichtlich besser aus als mit amerikanischen Wählern. Simons Figur gelingt ihm jedenfalls wesentlich farbiger und sympathischer als der überseeische Sohn. Auch der Schreibstil schwenkt, kaum auf deutschem Boden angekommen, auf ein angenehm ausbalanciertes Niveau aus Komik und Tiefsinn.

Simon erhält per Post von seinem Sohn eine mysteriöse CD, mit der er persönlich nicht viel anzufangen weiß, für die sich jedoch plötzlich Einbrecher, Rollenspieler und schöne Frauen interessieren. Und ohne recht zu wissen, wie ihm geschieht, findet sich der sture Pauker plötzlich als Anwärter auf den
längst erkalteten Thron eines deutschen Königs wieder. In diesen modernen Zeiten passiert einem ja so allerhand.

Wir werden Zeuge der skurrilsten Bundestagswahl aller Zeiten, werden von Menschen regiert, die nicht merken dass sie regieren, wir lernen Eschbachs Ansicht zum Thema Sex mit dem Ex kennen und dürfen uns dabei auch selbst fragen, was wir von aufgewärmter Sissi-Romantik halten.

Vor allem ist dem Autor wieder einmal ein verblüffendes Ende gelungen, bei dem man sich vor die Stirn haut und sich fragt, warum man nicht von selbst drauf gekommen ist. "Ein König für Deutschland" mag nicht das Highlight von Eschbachs Schriftstellerkarriere sein, als Anregung für ein paar schaurig-schöne Was-wäre-wenn-Gedanken ist es mal wieder ein Volltreffer.

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