Sonntag, 08 November 2009

Lesezeichen: Düstere Visionen (3)

Von Sylia Heiberg

Die Zukunft von gestern ist heute schon vorbei. Es ist Zeit für neue Visionen und viele Autoren haben sie bereits niedergeschrieben. Drei dieser Bücher stellt euch unsere Autorn Sylia in dieser Woche vor. Zum Abschluss stellt sie euch Frank Schätzings „Limit“ vor

Europäer, die sich im Winter bibbernd ins Federbett verkriechen, weil mal wieder kein russisches Gas durch die Leitungen strömt, wird es in 15 Jahren nicht mehr geben, sinnt Frank Schätzing. Er lässt "Limit" im Jahr 2025 spielen, einem clever gewählten Zeitpunkt.

Er liegt fern genug, um Platz für atemberaubende Spekulationen zu lassen, aber nah genug, um beim Leser persönliche Betroffenheit heraus zu kitzeln. Immerhin werden die meisten von uns dieses Jahr noch persönlich erleben, so dass die Frage sich geradezu aufdrängt: Wird es so sein wie im Buch?

Beängstigend vertraut scheint vieles, denn diese 15 Jahre werden die Welt zwar ändern, aber nicht austauschen. Hollywood dreht weiterhin seine Filme, David Bowie gibt Konzerte und in China essen sie Nudeln. Und doch ist vieles anders. Erdöl und Erdgas sind jedenfalls out. Die Energie kommt neuerdings vom Mond. Die USA und China haben dort dauerhafte bemannte Stationen eingerichtet und arbeiten in alter Zwietracht vor sich hin.

Die Idee, erschreckend in ihrer Plausibilität: nicht die finanziell klammen Staaten werden in der Zukunft die Erdbevölkerung mit Ressourcen ausstatten, sondern private Konzerne. Der größte dieser Konzerne gehört der schrecklich netten Familie Orley. Die Orleys haben ihre Probleme wie die Schmidts aus Wanne-Eickel, aber zumindest haben sie nichts Böses im Sinn.

Doch eines Tages erkennt Familienoberhaupt Julian, dass nicht einmal sein Geld ausreicht, um seine Visionen der besseren Welt umzusetzen, und er holt sich Hilfe. Er lädt ein gutes Dutzend der Reichsten und Schönsten der neuen Welt
zu einem Ausflug auf den Mond ein, um Investoren zu werben.

Und es geschieht, was eben geschehen muss, wenn Privatpersonen das Wohl der Menschheit anvertraut wird. Plötzlich sitzen die falschen Leute am Hebel - und man kann sie nicht mal auf den Mond schießen, weil sie schon dort sind.

Frank Schätzing ist für den deutschen Thriller das, was Mariah Carey für den Pop ist. Seinen Stil kann man entweder mögen oder nicht, doch nichts führt an der Feststellung vorbei, dass er es einfach am besten kann. An seine 1300 Seiten muss man sich erst einmal trauen. Doch dann möchte man keine davon mehr missen.

Als hätte er die Leser im Verdacht, nur ein einziges Buch im Leben zu kaufen, packt er alles hinein, was dieser Leser eventuell mögen könnte. Eine spannende Thrillerhandlung, Mahnungen ans ökologische Gewissen, originelle Ideen, clevere Dialoge: Alles drin. Mit viel Humor beantwortet er auch die letzten Fragen - was werden wir anziehen, wer wird Kurt Cobain
in der Verfilmung seines Lebens spielen, und wem wird Bayern München gehören?

Ein ganz bemerkenswerter Satz trifft vermutlich schon heute zu: Niemand möchte einen schwulen Mond. Und wie er das gemeint hat, lest ihr jetzt gefälligst selbst.

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