Dienstag, 06 Oktober 2009

Lesezeichen: Sigrid Neudeckers „Wie war ich? – Der Mythos vom perfekten Sex“

Von Linda Wagner

Wusstet ihr schon, dass  Griechen alle zwei Tage Sex haben, während es  Japaner auf gerade einmal 48 Mal im Jahr bringen? Nein? Dann habt ihr Glück, dass es Autorinnen wie Sigrid Neudecker gibt. Mit solchen interessanten, aber eigentlich doch überflüssigen Informationen erweitert die Schriftstellerin nämlich den Horizont ihrer Leser. Die gebürtige Wienerin schreibt in der Wissens-Redaktion der Wochenzeitung Die Zeit und befasst sich nebenbei mit dem Thema „Sex“ und der Frage, wie die Gesellschaft dazu steht.

Seit 2005 verfasst Neudecker deshalb für Die Zeit das Sexblog „Man muss ja nicht immer reden“, in dem sie den Lesern mit Rat und Tat zur Seite steht. Nach dem 1997 erschienen erotischen Stadtführer „Sex in Wien“, legt Neudecker jetzt mit ihrem vom Fischer Verlag als Aufklärungsbuch bezeichneten Titel „Wie war ich? – Der Mythos vom perfekten Sex“ nach.

In sechs Kapiteln beschreibt die Autorin auf lockere und unverklemmte Weise, wie Männer und Frauen in punkto Liebesleben ticken. Dabei fällt ihr besonders der zunehmende Leistunsdruck auf, unter dem die Geschlechter stehen. Während Frau, durch Medien und Öffentlichkeit beeinflusst, angeblich alles tut, um ihrem Göttergatten zu gefallen, gerät auch er immer mehr unter Druck, seine sexuelle Attraktivität zu steigern, um der Liebsten zu gefallen: „Vom Hals abwärts so wenig Haare wie möglich“, ist dabei nur eines der Schönheitsideale, das laut Neudecker von den meisten Männern befolgt wird.

Ohne Scheu vor Tabus schildert Neudecker, wie weit Menschen gehen, um den Sexidealen zu entsprechen. Von Schönheits-OPs über Fitnessstudios für den Genitalbereich bis hin zu Kamasutra reicht das Repertoire der Verrücktheiten. Und wozu das Ganze? Nur um dazuzugehören und bloß nicht als Langweiler zu gelten? „Die Abkehr vom Spießertum hat eine Eigendynamik entwickelt und ist dabei längst übers Ziel hinausgeschossen“, trifft Neudecker den Nagel auf den Kopf. Natürlich haben die Zeiten sich verändert und ohne Zweifel ist es durchaus positiv zu bewerten, dass man nicht  länger kurz vor dem Herzinfakt steht, sobald das Wort „Sex“ auch nur fällt. Trotzdem sollten wir uns fragen, ob die Ideale, denen wir nacheifern, auch wirklich unserer Meinung entsprechen.

Die Medien nutzen die allgemeine Unsicherheit aus. Sex wird nicht länger als intime Angelegenheit gesehen. Die Grenzen zur Privatsphäre sind dabei längst überschritten: „Heutzutage finden Fotografen [...] genügend Dummbatzen, die sich oben ohne für Millionenleserschaft der Bild- Zeitung ablichten lassen und nichts Schlimmes daran finden“, empört sich Neudecker. Man muss nur den Fernsehr einschalten und schon wird man mit Peinlichkeiten von Paris Hilton und Co. überhäuft. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Gisela von nebenan bei Oliver Geissen auf der Couch sitzt und über ihre Beziehungsprobleme tratscht.

Als „gläserne Menschen“ die nichts mehr für sich behalten wollen und „Sexbildungsbürgert“ beschreibt uns Sigrid Neudecker daher sehr treffend. Appell des Buches ist es daher, sich auf die wahren Werte in einer Partnerschaft zu berufen. Es kommt nicht darauf an möglichst viele sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Viel mehr ist es von Bedeutung, sich selbst mit all seinen Schwächen zu akzeptieren und Mut zum Mittelmaß zu zeigen.

Nobody is perfect – diese Erkenntnis ist die zentrale Message des Buches. Man muss allerdings auch einige kritische Einwände vorbringen. Das „Aufklärungsbuch“ liest sich stellenweise recht zäh, da die angesprochenen Themen sich immer wiederholen. Zudem eckt Neudecker mit ihrem bissigen Erzählstil an einigen Stellen stark an. Umgangssprachliche Äußerungen wie „Ständer“ und „Schniedel“ und vernichtende Rundumschläge lassen sich zudem schwer mit ihrem seriösen Ansatz übereinbringen.

Bisher 0 Antworten auf Sigrid Neudeckers „Wie war ich? – Der Mythos vom perfekten Sex“





grafischer Zugangscode

(Groß-Kleinschreibung beachten)