Dienstag, 09 März 2010

Lesezeichen: Ulrike Draesners Roman „Vorliebe“

Von Paula Konersmann

Intertextualität war in den letzten Wochen in aller Munde. Aufgrund des Plagiatvorwurfs an Helene Hegemann und ihren Roman „Axolotl Roadkill“ diskutierten Verleger, Rezensenten und Leser über die Grenzen von „Sich-inspirieren-lassen“ und bloßem Abschreiben.

Auf der Nominiertenliste für den Deutschen Buchpreis steht die Jungautorin trotz aller Kritik. Verdient hätte es vielleicht eher ein Roman, der weniger hohe Wellen geschlagen hat, dafür aber Intertextualität auf anspruchsvolle und zugleich ansprechende Weise vorführt: „Vorliebe“ von Ulrike Draesner.

In einem Nachsatz bedankt sich die Münchner Autorin bei Schriftstellern wie Flaubert, Kleist, Nabokov und Updike für „vielfältige Inspiration“. Aufmerksame Leser können den Roman nach Anspielungen absuchen, viel augenfälliger scheint allerdings die Parallele zu einem Klassiker, der nirgends explizit erwähnt wird: zu Goethes „Wahlverwandtschaften“. In Draesners Roman verlieben sich zwei Paare über Kreuz, ähnlich wie bei Goethe gerät eine in die Jahre gekommene Beziehung aus den Fugen, und am Romanschluss stehen alle vor einem Scherbenhaufen. Die Klischees, zu denen dieser Plot einladen könnte, meidet die Autorin jedoch – stattdessen findet sie neue Bilder und sprachspielerische Beschreibungen.

Was bei Goethe die Chemie war, ist bei Draesner die Physik. Ihre Hauptfigur Harriet ist Astrophysikerin und möchte nicht nur das Weltall, sondern auch ihre eigenen Emotionen rational erfassen und erklären – wie Goethes Protagonist Eduard versuchte, das Reaktionsverhalten chemischer Stoffe auf sich und sein Umfeld zu übertragen. Wie er stößt auch Harriet an Grenzen, vor allem in Gesprächen mit ihrer Jugendliebe Peter, der als Pfarrer arbeitet. Wiedergetroffen haben beide sich nur, weil Harriets Lebenspartner Peters Frau mit dem Auto angefahren hat. Was als harmloser Flirt beginnt, durchsetzt mit Erinnerungen, nimmt einen dramatischen Verlauf für alle Beteiligten.

Zahlreiche Dialoge und Überlegungen der Figuren, etwa zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Philosophie und Physik, laden zum Weiterdenken ein. Aufpassen muss der Leser auch auf die Romanstruktur: Die Einteilung in Abschnitte und Kapitel portioniert den Text auf angenehme Weise, andererseits fungieren manche der zwischengeschalteten Reflexionen als Verzögerung des Handlungsverlaufs, springen zeitlich oder irritieren den Leser durch ungewöhnliche, parabelhafte Szenerien. Andere Szenen hingegen wirken pointiert und drastisch und ziehen den Leser in ihren Bann.

Als Harriet gegen Romanende beginnt, sich auf sich selbst zu besinnen, heißt es, sie trinke ayurvedische Tees, surfe auf Astroseiten und lese „Fontanes ersten Roman (Effi Briest mit Happy End)“. Der Leser kann sich freuen, wenn er den gemeinten Text erkennt. Er kann sich fragen, ob man „L’Adultera“ tatsächlich auf die angebotene Formel reduzieren kann. Und natürlich kann er Parallelen zwischen Fontane und „Vorliebe“ suchen, immerhin handelt es sich auch hier um einen Roman über eine Ehebrecherin. Um in Harriets Manier eine Formel zu prägen: Intertextualität at it’s best.

Bisher 0 Antworten auf Ulrike Draesners Roman „Vorliebe“





grafischer Zugangscode

(Groß-Kleinschreibung beachten)