Montag, 21 Juni 2010
Center Parcs: Der grüne Retter
Von Walther Wuttke
Für die Ferienanlagen sucht Jean Henkens, der Chefbiologe des Unternehmens, in den Tropen nach exotischen Pflanzen und bewahrt sie so vor der Rodung.

Der Baum hat eine lange Reise hinter sich. Und eine Wiedergeburt. Mehr als 500 Jahre stand die knorrige Pappelfeige in einem buddhistischen Klostergarten am Ufer des Mekong, bis der Fluss ihr den Halt nahm, sie entwurzelte und ihr Ende besiegelt schien. Heute schlägt sie wieder neue Wurzeln – im abgelegenen französischen Department Moselle, wo sie zusammen mit einigen hundert anderen exotischen Gewächsen mehr als einen Hauch Tropen in das Zentrum einer Ferienanlage bringt.
In der Tat wirkt der sogenannte Dome des neuen Center Parc Moselle neben dem verschlafenen Nest Hattigny fast wie ein botanischer Garten, was der Schöpfer der Kunstlandschaft, der belgische Biologe Jean Henkens, weit von sich weist. „Wir wollten keinen botanischen Garten anlegen, sondern lediglich einen Platz schaffen, in dem sich unsere Besucher wohlfühlen“, und daher nennt er seine Anlage bescheiden ein „großes Treibhaus“ oder etwas blumiger „tropisches Atoll“. Gleichzeitig wehrt er sich gegen den Vorwurf, mit seinen Anpflanzungen, gegen die Naturgesetze zu verstoßen. „Im Supermarkt kaufen die Menschen doch auch alle möglichen exotischen Früchte, warum dürfen wir dann nicht unsere Pflanzen hier zeigen?“
Die meisten Gäste machen sich offensichtlich kaum solche Gedanken und marschieren mehr oder weniger achtlos durch den zivilisierten Dschungel in Richtung Badelandschaft, in der ebenfalls tropisches Grün dominiert, oder zu einem der zahlreichen Restaurants und Geschäfte. Nur wenige gönnen sich eine Pause, bewundern das wuchernde Grün oder umarmen wie Henkens die Pappelfeige und berühren mit ihrer Stirn die raue Rinde. „Das soll Ruhe und Glück ins Leben bringen, haben mir die Mönche erklärt.“
Seit 30 Jahren ist der promovierte Biologe für die französisch-holländische Kette als „Mann mit dem grünen Daumen“ in Afrika und Südostasien unterwegs und treibt das Grün auf, das ein Stück Tropen in die Ferienanlagen bringt. „Unsere Pflanzen sind Opfer der Naturausbeutung. Wir retten sie, wenn Flächen für Palmölplantagen gerodet werden oder Dschungel für die Abholzung von Edelhölzern freigegeben wird. Wir sammeln so viel, wie wir sammeln können“, erklärt Henkens und kann seinen Zorn über die Ausbeutung der Natur nicht ausblenden. „Ich mag diese großen Palmenfelder nicht. Mit ihnen geht jedes Mal ein Stück Biodiversität verloren.“
Wenn der Belgier erzählt, wie er Bäume, Büsche und Pflanzen vor der Rodung rettet, beginnen seine Augen zu glänzen, und er scheint plötzlich wie abgehoben in einer anderen Welt. Dabei mussten er und seine Mannschaft anfangs viele Hindernisse überwinden. „In den ersten Jahren war es jedes Mal ein Drama, wenn wir unsere Pflanzen einführen wollten. Inzwischen hat die EU aber begriffen, was wir machen.“ Wenn die Container mit dem tropischen Grün nach einer gut siebenwöchigen Reise in einer Baumschule im holländischen Naaldwijk ankommen, befinden sich die Pflanzen in einer Art künstlichem Koma. „Kurz vor dem Transport pressen wir eine Latex-Flüssigkeit in die Adern, um die Fotosynthese aufzuhalten. In Naaldwijk folgt eine andere Lösung, mit der wir diesen Zustand beenden. Schon nach 48 Stunden beginnen die Pflanzen wieder auszutreiben“, erzählt Henkens, der allein die Formeln für die beiden Flüssigkeiten kennt.
Parallel sichert der Chefbiologe der Center-Parc-Kette Bodenproben, die er in seinem Keller lagert, um sie für die spätere Bepflanzung aufzuarbeiten. „Mit normaler Pflanzerde komme ich nicht weit“, lacht er. Henkens sieht sein Arbeitsfeld allerdings nicht ausschließlich im Suchen und Platzieren des exotischen Grüns, er ist vielmehr von der ersten Planungsphase an auch für die Entwicklung der Ferienanlage verantwortlich. Beim neuen Bungalow-Dorf in Frankreich hatte vor gut zehn Jahren der Orkan „Lothar“ gewaltige Schneisen in einen Nutzwald geschlagen, sodass die Wahl für das Zentrum mit der riesigen Badelandschaft leicht fiel. „Hier stand kein Baum mehr“, beschreibt Henkens kurz und bündig die Ausgangslage.
Auch bei der Anordnung der insgesamt 800 Bungalows auf dem 435 Hektar großen Gelände nutzte man die von „Lothar“ verursachte Rodung. Nur wenige Bäume mussten gefällt werden, und ein gut 100 Hektar großes Waldstück ließen die Verantwortlichen vollkommen ungenutzt. Im sogenannten grünen Herzen der Anlage wird höchstens dann eingegriffen, wenn sich Schädlinge breitmachen, die benachbarte Wälder schädigen können. „Als wir anfingen, fanden wir einen klassischen Nutzwald vor, der fast ausschließlich aus Fichten bestand. Heute entwickeln wir hier wieder einen Mischwald, der viel besser gegen Stürme geschützt ist. Und außerdem verbessert sich so auch die biologische Vielfalt“, erklärt Henkens sein Konzept.
Die Neuausrichtung hat bereits Erfolge gebracht. So hat sich zum Beispiel die Zahl der Fledermausarten von drei auf fünf erhöht, und Rehe, Wildschweine sowie Greif- und Singvögel sind zurückgekehrt. Auch Störche sollen sich demnächst hier wieder wohlfühlen. „Unser Unterhaltungsprogramm ist die Natur“, heißt die Devise in Hattigny. Wobei dieses Motto auch seine natürlichen Schattenseiten hat. „Als wir die ersten Hühner in unserem Bauernhof ausgesetzt haben, freuten sich die Füchse und haben sie gerissen“, berichtet Henkens. Der Bauernhof ist vor allem bei den Kindern belebt, von denen viele hier zum ersten Mal Nutztiere erleben und begreifen, dass es nicht nur lila Kühe gibt.
Center Parcs und vor allem die neue Anlage in Hattigny verfolgen ein eigenes ökologisches Konzept. Beim Bau der Anlage arbeiteten die Verantwortlichen daher mit dem World Wildlife Fund for Nature zusammen. Das Zentrum mit Badelandschaft und Restaurants wird mit Biomasse aus der Region beheizt, sodass in diesem Bereich eine neutrale CO2-Bilanz erreicht wird. Was allerdings nicht unbedingt für die Anreise gilt. Wie alle anderen Anlagen liegt auch der neue Park abseits der großen Verkehrsströme und kann nur mit großem Aufwand mit der Bahn erreicht werden. Das Auto bleibt also das Verkehrsmittel Nummer eins.
Wenn die ersten Besucher ihre Bungalows beziehen, die Kinder in der Badelandschaft toben und kreischen, ist Henkens schon wieder unterwegs. Auf Madagaskar geht die Suche nach tropischem Grün weiter, schließlich stehen weitere Parks auf seiner Agenda. Das südfranzösische Valence im kommenden Jahr, und dann folgt Leutkirch im Allgäu, wo ein ehemaliges Militärgelände zur Urlaubslandschaft umgebaut wird. Henkens hat vorgesorgt. „Ich habe schon Pflanzen eingelagert, die erst im Jahr 2017 in die Erde kommen.“
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Fotos: Center parcs
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