Samstag, 04 Juli 2009
Costa Rica: Die Hoffnung der Nicas
Von Sophia Falkenburger
Rassismus gibt es überall auf der Welt, sei es die Diskrimminierung der Afrikaner in Frankreich, der Türken in Deutschland oder der Nicas in Costa Rica. Überall haben es Immigranten schwer, sich in der fremden Kultur heimisch zu fühlen.
Über den Bergen hängen gewaltige Wolkenmassen, die langsam ins Tal hinabgleiten. Die Erde riecht feucht und die Straßen glänzen vom Regen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Regenguß die Rinnsteine überschwemmt“, sagt Sandron Hernández und blickt die Strasse hinunter in Richtung Gebirge. Auf dieser Straße verbringt er den Großteil seiner Zeit, sie ist seine Arbeitsstelle. Er ist ein hochgewachsener Mann mittleren Alters, der seine Worte wohl überlegt wählt. Sein schwarzer Schnäuzer verleiht ihm einen etwas ernsten Ausdruck und von Zeit zu Zeit funkeln seine schwarzen Augen auf.
Sandron Hernández ist Sicherheitsmann, jeden Tag fährt er mit dem Fahrrad auf der Straße Patroullie, bewacht die Häuser und ihre Bewohner, wohlhabende Ticos oder Ausländer. Doch vor allem ist Sandron Hernández Nica. Nica und nicht Tico.
In der Nationalität liegt die Bedeutung
Ist es denn so wichtig, ob Nica oder Tico? Dem Gesichtsausdruck Sandron Hernández zu Folge ist schon die Frage eine Beleidigung. Wie fast alle Lateinamerikaner ist auch Sandron Hernández ein sehr stolzer Mann – und dieser Stolz spieglt sich in den Worten über sein Heimatland Nicaragua. Doch da liegt noch ein anderer Ton in seiner Stimme. Denn mit der Nationalität kommt auch die Diskriminierung. Das Gefühl, weniger wert zu sein. „Jeder erkennt doch sofort, dass ich Nica bin. Sehen Sie mich an! Ich habe dunklere Haut, andere Gesichtszüge, ich rede anders. Die Ticos werden uns immer als etwas Schlechteres betrachten.“ Während er das sagt, fährt aus einem mit Stacheldraht abgesicherten Tor ein dicker BMW. Sandron Hernández hebt die Hand zum Gruß und nickt der eleganten Frau im Auto zu. „Eine Kanadierin“, sagt er
Woher der Rassismus, die Diskriminierung kommt, wisse er nicht, doch sie sei schon immer da gewesen – in all den Jahren, in denen er nun in Costa Rica lebt. Es mache ihn traurig, dieses Gefühl, fremd zu sein. Jeden Tag höre er die Ticos schimpfen. Darüber, dass die Nicas ein faules Volk seien, schmutzig und alle nur Drogenhändler. „Dabei machen wir all die Jobs, für die sie sich zu fein sind. Sehen Sie sich die Männer auf dem Bau an: Ein Tico ist da Exot! Und wer hält die Häuser der Reichen sauber, kocht ihren Kindern das Essen und wäscht die Wäsche? Das sind unsere Frauen!“
Mehrere Kilometer weiter nördlich: Im Norden der Hauptstadt San José sitzt Ada Maria Porras in ihrem Büro im Erdgeschoss des Einwohnermeldeamts. Sie ist eine kleine Frau, mit freundlichem Lächeln, blondierten schulterlangen Haaren und hellen Augen. Sie ist für die Koordinationsarbeit zuständig. Ihr Büro teilt sie sich mit zwei weiteren Mitarbeitern. Es ist vollgestellt mit Regalen und Aktenordnern auf denen Jahreszahlen zu lesen sind. In der Mitte steht ein kleiner runder Glastisch mit mehreren Stühlen.
Jeden Tag kommen um die 1000 Menschen ins Einwohnermeldeamt, sei es um Pässe erneuern zu lassen, eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen oder wegen Problemen mit den Behörden. Die meisten von ihnen kommen schon früh morgens mit dem Bus, um die Wartezeit zu minimieren. Denn die Menschenschlange ist lang und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Einwohnermeldeamts arbeiten mit einer Gelassenheit, die nur die Menschen Costa Ricas kennen. Selbst gegen Mittag hat die Flut von Menschen, die aus den alten klapperigen VW-Bussen strömen kaum nachgelassen. Frauen und Männer aller Altersschichten. Der Großteil ist nicaraguanischer oder kolumbianischer Herkunft. In den Gesichtern der Leute lässt sich ablesen, dass sie nicht zum ersten Mal hier sind und die ewige Warterei leid sind. Eine Frau sagt: „Ich bin schon seit sechs Stunden hier und weiß immer noch nicht, ob ich heute irgendwann noch dran komme. In zwei Stunden muss ich meine Tochter zum Arzt bringen.“ Ein älterer Mann beschwert sich darüber, wie er hier von den Mitarbeitern behandelt wird: „Da warte ich den ganzen Tag und am Ende bekomme ich nichts als eine Abfuhr. Die verstehen ihr System doch selber nicht!“ Verbittert bahnt er sich seinen Weg zum Ausgang.

Porras blickt von ihrem Büro aus auf die Menschenschlange, die sich draußen angesammelt hat und erzählt, dass bis zu einer halben Million Nicas illegal in Costa Rica leben, doch eine wirkliche Statistik gibt es nicht. Das sei viel zu teuer. Legal würden nochmal so viele Ausländer in Costa Rica gemeldet sein. Im Jahr 2008 wurde allein dem Antrag auf Wohnsitz und zeitlich beschränkten Aufenthalt von 5600 Nicas stattgegeben; 257 wurden abgelehnt. Die Zahl der genehmigten Anträge ist damit im Vergleich zum Vorjahr um 1200 gestiegen.
Costa Rica bringt Hoffnung und Arbeit
Vor dem Gebäude 2B sitzen drei junge Männer, vermutlich Nicas. Sie stehen Schlange, um ihre Pässe erneuern zu lassen. Der eine erzählt, dass er jedes Jahr seinen Pass erneuern lassen muss. Damit seien jährlich 80 US-Dollar Gebühren verbunden. Eine stolze Summe für einen, der auf dem Bau arbeitet. Er lebt schon seit knapp 15 Jahren in Costa Rica, er war nie illegal hier, hat immer gearbeitet. In Nicaragua hatte er keine Arbeit gefunden.
Im Gebäude, wo die Anträge für eine Aufenthaltsgenehmigung bearbeitet werden, wird nur leise getuschelt. Die Leute sitzen auf ihren Plastikstühlen so, als würden sie auf die nächste S-Bahn warten. „Für die sind wir nichts als Nummern“, nuschelt eine ältere Dame vor sich hin. Sie will nicht sagen, warum sie heute hier ist. Ihr Sitznachbar, ein Mann mittleren Alters, guckt traurig und erzählt, dass er nun seit einem Jahr versuche, die Gebühren aufzubringen und es einfach nicht schaffe. Schließlich müsse er auch seine Familie ernähren. Heute sei er hier, um noch einmal zu sehen, ob ihm die Behörde eine letzte Chance gebe, sonst müsse er Costa Rica wieder verlassen.
Auch Sondron Hernández musste einst diesen Lauf durch die Behörden auf sich nehmen. Anderthalb Jahre hat er gebraucht, bis seine Frau und er eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten. Er kam damals mit neunzehn Jahren aus seiner Heimatstadt Léon, einer alten Kolonialstadt im Osten Nicaraguas. „Aus den Gründen, aus denen alle kommen: Arbeit und die Hoffnung auf ein besserers Leben.“
In Nicaragua liegt nicht nur die Arbeitslosenquote bei 80 Prozent. Ungefähr 40 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Auf dem Land sind es bis zu 70 Prozent.
Sandron Hernández atmet einmal tief ein, bevor er weiter erzählt, es scheint als wäge er genau ab, was er sagt. Die ersten sechs Jahre verbrachte er illegal im Land, er kam über die Berge und suchte in diesen Zuflucht, versteckte sich, wenn er nicht arbeiten war. Er begann auf dem Bau und kehrte immer wieder zurück nach Nicaragua, wo er einen Teil des Geldes seiner Mutter gab. Es war eine harte Zeit, immer in Angst und ohne Sicherheit. Mit dem Geld kam auch die Trinkerei, erinnert er sich.
Wenn Sandron Hernandezüber Seine Vergangenheit spricht klingt er ernst, ein wenig beschämt und unterstreicht, dass er seine Lektion gelernt habe. Seit sechs Jahren ist er trocken und versucht ein ordentliches, anständiges Leben zu führen. Er besitzt ein kleines Häuschen. Viele seiner Kumpels, die auf dem Bau gearbeitet haben, verlieren gerade ihre Anstellungen: „Die internationale Finanzkrise hat uns alle schwer getroffen, besonders die Nicas müssen nun zusehen, wo sie Arbeit finden.“ Um seinen Job als Sicherheitsmann braucht er sich erst einmal keine Gedanken zu machen. Er verdient nicht viel, knapp 150 Euro für 15 Tage, doch Seine Frau putzt jeden Tag in einer mexikanischen Familie.
Wenn man ihn so ansieht, macht er einen zufriedenen Eindruck: „Als Junge wollte ich immer Polizist werden, davon ist meine heutige Aufgabe nicht allzu weit entfernt.“ Er lächelt. Für das, was er hat, ist er dankbar. Dennoch steht für ihn fest, dass er eines Tages, wenn die Kinder groß sind, zurück nach Nicaragua gehen wird. Dort ist seine Heimat, dort liegen seine Wurzeln.
Es ist früher Abend. Sandron Hernández wird in einer halben Stunde von seinem Arbeitskollegen abgelöst, er blickt in den Himmel, für heute hat es zu regnen aufgehört. Während er seine letzte Runde auf dem Fahrrad dreht, sucht ein Obdachloser in den vom Abendverkehr verstopften Straßen San Josés nach etwas Essbarem. Er trifft auf zwei Turisten und sagt: „Bitte geben Sie mir nur eine Muenze. Verstehen Sie: Ich bin Nica!“
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