Sonntag, 13 Juni 2010

WM 2010: Glück siegt über Können

Die Fragen stellte Stefan Deges

Roland Loy, Inhaber der Trainer-A-Lizenz, beriet Franz Beckenbauer beim Titelgewinn 1990. In Südafrika unterstützt er mit Spielbeobachtungen das ZDF-Team. Zuletzt erschien im Goldmann Verlag sein Buch „Das Lexikon der Fußballirrtümer“. Der Experte rät den Deutschen zu einer soliden Abwehr.

mymercury.de: Etwas Einfaches vorneweg: Wer wird Weltmeister?
Roland Loy: Wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass sogenannte Fußballlaien auf diese Frage bessere Antworten geben als die Experten. Schaut man auf diese Befragungen, wird wahrscheinlich Brasilien Weltmeister.

mymercury.de: Und wer wird auf keinen Fall Weltmeister?
Loy: Auch da bin ich keine Hilfe. Die Dänen, die 1992 Europameister wurden, hatte niemand auf der Liste, auch mit den Griechen 2004 konnte man nicht rechnen. An einen Fußballweltmeister Nordkorea oder gar Honduras mag ich dennoch nicht glauben.

mymercury.de: In Europa gewinnen normalerweise europäische Teams – mit Ausnahme der WM 1958 in Schweden, bei der Brasilien Weltmeister wurde. In Amerika siegen die Südamerikaner. Wie steht es 2010 um die Chancen afrikanischer Mannschaften?
Loy:
Grundsätzlich lässt sich aus den Zahlen schon ein Heimvorteil herauslesen. Deswegen halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass eine Mannschaft aus Afrika bei der WM 2010 eine bedeutende Rolle spielt. Aber die Datenbasis für Weltmeisterschaften ist ehrlich gesagt so dünn, dass sich keine eindeutige Aussage zu den Chancen der Afrikaner ableiten lässt.

mymercury.de: Lässt sich der Erfolg irgendwie vorab berechnen?
Loy:
Wenn das so leicht wäre! Wir sind Lichtjahre davon entfernt, zu wissen, wie das Fußballspiel funktioniert, und es trennen uns sogar ganze Galaxien davon, zu wissen, wie Erfolg im Fußball letztendlich zustande kommt.

mymercury.de: Gehen Sie da nicht zu theoretisch vor? Jogi Löw weiß bestimmt mehr.
Loy:
Wenn Jogi Löw ganz fair ist, wird er eingestehen, dass er nicht weiß, wie im Fußball der Erfolg zustande kommt und wie man Weltmeister wird. Spätestens wenn er sich vor Augen hält, dass Fußball gekennzeichnet ist von Relativität, Komplexität, Multistruktur und Mehrdimensionalität und dass Glück und Zufall eine enorme Rolle spielen, wird er zugeben, dass Erfolg alles andere als vorhersehbar und planbar ist.

mymercury.de: Zumindest mit taktischen Entscheidungen kann der Trainer den Ausgang beeinflussen.
Loy
: Auch da muss ich Einwand erheben. Damit lässt sich Erfolg nicht erzwingen. Wir wissen bis heute nicht mit Sicherheit, welches taktische Verhalten im Fußball sich am erfolgversprechendsten darstellt.

mymercury.de: Es macht doch wohl einen Unterschied, ob sie alles auf die Offensive setzen oder sich zum Sieg mauern.
Loy:
In der Bundesliga kann man in der Tat sehen, dass die Mannschaften mit den wenigsten Gegentoren häufiger Meister geworden sind als Mannschaften mit den meisten selbst erzielten Toren. Bei Weltmeisterschaften ist dieser Trend ebenfalls erkennbar, die Datenbasis ist jedoch vergleichsweise gering.

mymercury.de: Hätte der Bundestrainer anstelle von Abwehrspieler Andreas Beck besser einen Stürmer aus dem Kader gestrichen, wenn es mehr auf die Defensivkünste der Mannschaft ankommt?
Loy:
Ob Spieler wie Schweinsteiger und Lahm dafür ausreichen, weiß ich nicht. Generell sind einzelne Spieler niemals alleine für Erfolg beziehungsweise Misserfolg einer Mannschaft verantwortlich. Allerdings war es 2002 auf jeden Fall so, dass Oliver Kahn der Garant des Finaleinzugs war.

mymercury.de: Der deutschen Mannschaft fehlt mit Michael Ballack der Marathon-Mann der letzten Turniere. Regelmäßig legte er die längste Laufstrecke hin. Lässt sich das irgendwie kompensieren?
Loy:
Wieder so ein Trugschluss. Als ob bis zum heutigen Tag irgendjemand wüsste, welches im Fußball die optimale Laufstrecke wäre.

mymercury.de: Aber mehr Laufen ist besser als weniger, oder?
Loy:
Nein, das ist zu einfach. Viel Laufen führt zur Ermüdung und kostet Spritzigkeit. Das kann sich im entscheidenden Moment negativ auswirken. Man weiß es nicht.

mymercury.de: Meine Güte, was wissen Sie denn überhaupt?
Loy:
Dass Trainerwechsel sich auszahlen. Aber das hilft jetzt bei der Weltmeisterschaft nicht. Ein anderer Aspekt: Wer im Europapokal zuerst auswärts und im Rückspiel dann zu Hause antritt, kommt mit größerer Wahrscheinlichkeit weiter.

mymercury.de: Auch das hilft der deutschen Mannschaft in Südafrika wenig …
Loy:
Zum Elfmeterschießen kann ich Ihnen aber eine ganze Menge gesicherter Erkenntnisse bieten. So bringen beispielsweise Strafstöße, welche die obere Torhälfte treffen, eine deutlich größere Erfolgsquote mit sich.

mymercury.de: In dieser Disziplin braucht Deutschland keine Nachhilfe.
Loy:
Auch vom Elfmeterpunkt aus haben wir schon schlechte Erfahrungen gemacht.

mymercury.de: Dank Uli Hoeneß im EM-Finale 1976. Muss man sich deshalb Sorgen machen?
Loy:
Nein, Deutschland hat in seiner Historie in bedeutenden Spielen nur dieses eine Elfmeterschießen verloren.

mymercury.de: Bündeln wir die Erkenntnisse und Nichterkenntnisse: Wir müssen uns irgendwie durch die Gruppenphase mogeln, anschließend dann den Beton anrühren, um ein 0 : 0 über die Zeit zu retten und im Elfmeterschießen weiterzukommen. So werden wir Weltmeister?
Loy:
Meine Güte, Sie sind aber skeptisch. Meinen Sie etwa, wegen all der Verletzten hätten wir keine Chance?

mymercury.de: Nein, eher wegen der nicht verletzten Spieler, die nun in Südafrika für unser Land antreten …
Loy:
2002 waren unsere Aussichten auch nicht besser. Da fiel kurz vor dem Turnier nach einer ganzen Reihe anderer Verletzungsausfälle auch noch der Hoffnungsträger Sebastian Deisler aus, und wir sind trotzdem Vizeweltmeister geworden.

mymercury.de: Hilft denn wenigstens Beten?
Loy:
Einer aktuellen Studie zufolge wird der WM-Erfolg umso wahrscheinlicher, je größer der Katholikenanteil in einem Land ausfällt. Die oftmaligen Weltmeister Brasilien und Italien stehen als Beispiele hierfür. Auf der anderen Seite vermag die Korrelation so hoch nun auch wieder nicht auszufallen, sonst müsste ja der Vatikan Rekordweltmeister sein.

Dieser Beitrag ist im Rheinischer Merkur erschienen. Du kannst den RM vier Wochen lang kostenlos testen – und musst nicht einmal kündigen: Jetzt probelesen!

Fotos: Sascha Baumann/ZDF

Bisher 0 Antworten auf Glück siegt über Können





grafischer Zugangscode

(Groß-Kleinschreibung beachten)