Montag, 14 Juni 2010
WM 2010: „Jetzt sind wir dran“
Von Astrid Prange
Wintermärchen am Kap: 20 Jahre nach der Freilassung Nelson Mandelas verfällt die Regenbogennation in einen kollektiven Rausch und feiert vor allem sich selbst.

Sein Lieblingsgericht? Lawrence Perceus senkt den Blick und schweigt. „Wenn es etwas zu essen gibt zu Hause, dann esse ich es, egal, was es ist“, sagt er mit leiser Stimme. Der schmächtige 18-jährige Südafrikaner aus einem Township bei Kapstadt hat gerade einen dreimonatigen Kochkurs absolviert. Die Kosten, 16 Euro, hat er in drei Monatsraten abbezahlt. „Es ist ein tolles Gefühl, Leute zu bekochen und sie glücklich zu machen“, sinniert er vor sich hin.
Lawrence Perceus hat es geschafft. Mithilfe des „Work Opportunity Programme“ des Kolpingwerks Südafrika, das ihn an ein renommiertes Hotel im Stadtteil Sea Point, direkt an der Atlantikpromenade Kapstadts, vermittelte, verdient er nun dank seiner neu erworbenen Kochkünste auch Geld. Wie viele andere Hotelangestellte pendelt er täglich zwischen zwei Welten hin und her: dem von Armut geprägten Alltag im Township und der verlockenden Luxusoase für Touristen. Das Erbe der Apartheid ist bedrückend: Noch immer lebt ein Drittel der 49 Millionen Einwohner in Armut.
Von der WM verspricht sich der junge Koch Lawrence Perceus vor allem eins: „Endlich können wir zeigen, was wir zu bieten haben, und die Vorurteile über Südafrika abbauen!“ Davon gibt es reichlich. Sie bilden eine kuriose Mischung aus Bewunderung für Friedensnobelpreisträger und Übervater Nelson Mandela und Abneigung vor den Schattenseiten wie Gewalt, Korruption und Aids. Angereichert wird das widersprüchliche Bild der WM-Nation mit treuherzigen Blicken von Elefanten, Löwen und Giraffen, die gleich das ganze Land in einen Safaripark zu verwandeln scheinen.
„Afrika ist und bleibt unsere Projektionsfläche für das Sterben, den Untergang und die Finsternis“, weiß Bartholomäus Grill, langjähriger Südafrika-Korrespondent und Autor des Buches „Laduuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert“. Viele Europäer hielten diesen Erdteil für rettungslos verloren und glaubten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch das blühende Südafrika, das angeblich die Weißen ganz allein geschaffen haben, von den Schwarzen heruntergewirtschaftet werde.
Die teuerste WM aller Zeiten soll nun diese Klischees aus der Welt schaffen schaffen. Rund 20 Milliarden Euro investierte die Regierung in Pretoria in den Bau von Stadien, Verkehrsinfrastruktur, Telekommunikation und Sicherheit. Die Fifa machte knapp eine Milliarde Euro locker. Zum Vergleich: In Deutschland brachte der Bund 2006 rund 3,7 Milliarden Euro für Straßenbau und 1,38 Milliarden Euro für Stadien auf.
Startschuss für die Aufholjagd war der 15. Mai 2004, als die Fifa in Zürich in Anwesenheit der drei südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela, Ex-Präsident Frederik Willem de Klerk und Erzbischof Desmond Tutu die Ausrichtung der WM an Südafrika vergab. Seitdem gilt das sportliche Mammutprojekt nicht nur als nationales Konjunkturprogramm in der globalen Finanzkrise, sondern auch als Symbol für Versöhnung und nationalen Zusammenhalt des Vielvölkerstaats.
Die politische Sprengkraft des Kickens zeigte sich schon auf Robben Island, wo Freiheitskämpfer wie der jetzige Staatspräsident Jacob Zuma, Walter Sisulu, Kgalema Mothlante und Nelson Mandela im Jahr 1967 jeden Samstag Fußball spielten. Bei Auf- oder Abstieg in der „Makana Liga“ ging es um mehr als Toreschießen: Fußball lenkte vom brutalen Gefängnisalltag ab und schweißte zusammen im gemeinsamen Kampf gegen die unmenschlichen Haftbedingungen.
Heute fungiert Fußball auch in Südafrika als soziales Trampolin. Hartes Training, eiserne Disziplin und Lektionen fürs Leben sollen Jugendliche aus dem Kreislauf von Armut und Unterentwicklung befreien. Fußballtrainer Otto Pfister, der elf afrikanische Nationalmannschaften betreute, kennt die enorme Motivationskraft aus eigener Erfahrung. „Von den Überweisungen afrikanischer Superstars wie Didier Drogba und Samuel Eto’o leben ganze Dörfer.” Mit seinem Netzwerk aus Klubs, Klans und Talentförderung biete der Sport armen Familien echte Aufstiegschancen.

Nicht nur die Fifa, fast alle WM-Teilnehmer wollen deshalb ihre Spuren jenseits der überdimensionalen Stadien hinterlassen. Deutschland fördert über das Jugendfußballprojekt „Youth Development through Football“ Training und Sozialarbeit für 30 000 Jugendliche in acht afrikanischen Ländern. Den Informationsaustausch zwischen deutschen und südafrikanischen Austragungsorten hinzugerechnet, lässt sich Berlin die Unterstützung unter dem Motto „Lasst uns Freunde bleiben“ knapp 20 Millionen Euro kosten.
Ausgerechnet die Fifa allerdings trübt die gelungenen Vorbereitungen für die WM. Generalsekretär Jérôme Valcke musste einräumen, dass der Verkauf von gerade einmal 40 000 Tickets in afrikanischen Ländern mit Ausnahme von Südafrika „enttäuschend“ sei. „Unser Vertriebssystem war nicht perfekt und wir müssen unsere Strategie für Brasilien überdenken“, gestand er in der vergangenen Woche ein. Während in Südafrika verbilligte Tickets für umgerechnet zwei Euro abgegeben wurden, kosteten sie in den Nachbarländern mindestens 66 Euro und konnten lediglich über Internet mit Kreditkarte erworben werden.
Auch die Erwartungen der Tourismusbranche erfüllten sich nicht. Von den rund 500.000 erwarteten ausländischen Fans werden wohl nur 250 000 tatsächlich anreisen. Michael Tatalias, Vorsitzender des südafrikanischen Tourismusverbandes, macht dafür in erster Linie die Finanzkrise und das schlechte Image Südafrikas verantwortlich: „Viele Leute haben Angst, ihren Job zu verlieren, und kaufen sich lieber einen großen Fernseher statt ein teures Ticket“, vermutet er. Es komme nun darauf an, diejenigen, die kämen, so zu begeistern, dass sie Südafrika als einmaliges Ferienziel in Erinnerung behielten.
Die Furcht vor leeren Stadien ist allerdings unbegründet: Bisher wurden 96 Prozent der insgesamt 2,88 Millionen Eintrittskarten verkauft. In der vergangenen Woche warf die Fifa noch einmal 90 000 zusätzliche Tickets auf den Markt. Am Sonntag löste die Begeisterung südafrikanischer Fans sogar eine Massenpanik aus: Bei einem Freundschaftsspiel zwischen Nigeria und Nordkorea in der Nähe von Johannesburg drängten sich Tausende von Fans vor dem Makhulong-Stadion. Obwohl vor dem Spiel 10 000 Eintrittskarten kostenlos verteilt worden waren, versuchten viele Fans, ohne Karte ins Stadion zu kommen. Bei dem Tumult wurden 16 Menschen verletzt.
„Wenn ich solche Szenen sehe, trifft mich dies im Innersten meiner Seele“, gesteht Marianne Hoffmann. Insgesamt acht Mal reiste die ehemalige WM-Projektkoordinatorin 2006 und Abteilungsleiterin aus dem Sportamt Hamburg zwischen 2008 und 2010 nach Südafrika. Im Rahmen des Austauschprogrammes zwischen deutschen und südafrikanischen WM-Austragungsorten beriet sie mit Kollegen aus Kaiserslautern die beiden südafrikanischen Städte Durban und Polokwane. Der Vorfall ist für sie „ein Schuss vor den Bug in letzter Minute“. „Grundsätzlich habe ich keine Bedenken“, so Marianne Hoffmann, die von dem Elan und der Begeisterung ihrer südafrikanischen Kollegen noch immer überwältigt ist. Doch Sicherheitsmaßnahmen müssten ohne Abstriche umgesetzt werden, es nütze nichts, im Überschwang nachzugeben.
Abgesehen von den großen Unterschieden zwischen Deutschland und Südafrika gibt es eine entscheidende Gemeinsamkeit: die Sehnsucht nach einem besseren Image. „Uns ist es 2006 gelungen, das Vorurteil des langweiligen und humorlosen Deutschen zu widerlegen“, erinnert sich Dieter W. Haller, deutscher Botschafter in Südafrika. „Jetzt geht es um die Lage Südafrikas und des Kontinents in der Welt. Nicht Not und Elend, sondern Hoffnung und Lebensfreude sind die Botschaft.“
Die Botschaft könnte auch lauten: „Endlich Anerkennung“. Für die friedliche Überwindung der Apartheid, die nicht selbstverständlich ist, wie die Katastrophe im Nachbarland Simbabwe beweist. Für den Aufstieg zum Schwellenland, dessen Wachstumsraten erst infolge der globalen Finanzkrise einbrachen. Für den Aufbau eines bescheidenen Wohlfahrtsstaates, der 12,4 Millionen Einwohner mit staatlichen Transferleistungen unterstützt. Für die erfolgreiche Ausrichtung der Rugby-WM 1995, die bereits ein Meilenstein für die Regenbogennation war. Für das friedliche Zusammenleben von unterschiedlichen Religionen und die reibungslosen Wahlen im April 2010.
Auch Lawrence Perceus hofft auf ein südafrikanisches Wintermärchen. Er will sich in den WM-Taumel fallen lassen und für vier Wochen das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Touristen und Einheimischen genießen. „Jetzt sind wir dran“, sagt er stolz und bescheiden zugleich. Von überzogenen Erwartungen hält er nichts: „Egal, ob WM oder Wahlen, meistens bleibt danach alles beim Alten.“
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Fotos: Nic Bothma/EPA/dpa; Zuma Ppress, Inc./Action Press
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