Freitag, 09 Juli 2010
Bildungsidee: Pluspunkte am Brennpunkt
Von Anastassia Stroeva
Top-Uni-Absolventen arbeiten mit Schülern, die wenig Chancen haben. Das ist die Idee von „Teach First“. Nicht alle Lehrer sind davon begeistert.

Ihn kennt hier jeder. Wenn Florian Weber morgens über den Hof der Johannes-Rau-Schule in Bonn-Bad Godesberg geht, rufen ihm die Schüler lässig „Hi“ zu. Auf dem Weg durchs Gebäude gibt es für den 28-Jährigen schon Arbeit. „Warum bist du nicht in der Klasse?“, fragt er einen Jungen auf dem Flur. „Nicht mehr reingelassen, weil ich zu spät kam“, entschuldigt der sich. „Sei wenigstens zur zweiten Stunde pünktlich“, rät Weber.
In einer fünften Klasse singen ihm zwölf Kinder das englische „Good morning, Mister Weber“ zur Begrüßung. An diesem Morgen hat Florian Weber die Wochenplanstunde. Mit Englisch kennt er sich aus. Weber war mit 15 für dreieinhalb Monate im Rahmen eines Schüleraustausches des Bayerischen Jugendrings an einer Schule in Melbourne. Nach dem Zivildienst verbrachte er noch einmal vier Monate in Australien.
Die Idee zu „Teach First“ stammt aus den USA und Großbritannien. Kaija Landsberg, Absolventin der Berliner Hertie School of Governance, exportierte das Modell nach Deutschland. Der Grundgedanke: „Wir wollen die führenden Kräfte von morgen für die Schüler von heute gewinnen, damit Chancengerechtigkeit Realität wird.“ Geschehen soll das durch den Einsatz der Fellows, motivierter, junger, hoch qualifizierter Akademiker, an den sozialen Brennpunktschulen.
Seit August 2009 arbeitet Weber als zusätzliche Fachkraft an der Bonner Hauptschule. Er hat in Regensburg Mathe studiert, nun soll er den 320 Schülern in Deutsch, Englisch, Physik, Geschichte, Mathematik, Sport und Musik helfen. „Er ist ein Vorbild für die Kinder“, glaubt Verena Köstner von Teach First. „Er fördert sie fachlich und stärkt solche ,weicheren‘ Faktoren wie Motivation, Selbstvertrauen und Sozialkompetenzen.“
Die Wochenplanstunde am Dienstagmorgen verläuft ruhig. Die Kinder melden sich oft. Seit dem Einsatz des Fellows an der Schule wurde die Klasse für den Englischunterricht in zwei Teile geteilt, um besser auf jeden einzelnen Schüler eingehen zu können. „Me and my sister … Welches Verb musst du benutzen, Daniel?“ Daniel runzelt kurz die Stirn: „Are?“ – „Bravo!“, lobt ihn der Fellow und eilt zum Nächsten.
Lucia und Osman lenken einander ab. Florian Weber ermahnt sie. Ohne Erfolg. Er setzt die beiden um und streicht sie von der Plusliste. Wenn die Kinder sich nicht beruhigen, gibt es einen Eintrag ins Klassenbuch. So weit kommt es nicht. Lucia und Osman wissen: Bei aller Freundlichkeit wird Weber sie bestrafen, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. „Anfangs war es schwer, so hart vorzugehen“, verrät Weber. Mit der Zeit habe er gelernt: „Wenn Worte nicht mehr helfen, muss man handeln.“ Die Kinder sollen lernen, ruhig zu sitzen und im Unterricht zuzuhören. „Dies sind Kompetenzen, die am Arbeitsmarkt gefragt sind“, sagt Weber.
Zu Teach First fand der Mathematiker auf einer Karrieremesse in Frankfurt. „Ich habe in meinem Leben viele Privilegien genossen. Die muss ich jetzt an andere abgeben“, sagt er. Mit seinem exzellenten Abschluss hatte er beste Chancen, bei großen Unternehmen anzufangen. Er entschied sich aber für das Teach-First-Assessment-Center. Bewerbungskriterien und Testfragen dafür wurden von Psychologen und Bildungsexperten entwickelt. Ein hartes Auswahlverfahren, auch für die hervorragendsten Absolventen. Nicht die Noten sind das A und O bei Teach First: Vielmehr ist Engagement in den verschiedensten Bereichen gefragt. „Die fachlichen Hintergründe und Erfahrungen der Fellows sind sehr unterschiedlich“, sagt Verena Köstner. Betriebswirte, Chemikerinnen, Slawisten und Kulturwissenschaftler finde man unter den 70 Fellows, die an 58 Schulen in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen im Einsatz sind.
Anders als Lehrer haben die Helfer keine jahrelange pädagogische Ausbildung hinter sich. Sie absolvieren eine Schulpraktikumswoche, ein Online-Studium in den Grundlagen der Pädagogik, Didaktik und Lernpsychologie, gefolgt von der sechswöchigen Sommerakademie, in der es um die Vertiefung der Grundlagen in praktischen Übungen geht. Florian Weber fährt zudem regelmäßig zur Fortbildung.
Die Johannes-Rau-Schule ist die einzige Schule in Bad Godesberg, die ein Hauptschulangebot bietet. Hier werden Kinder und Jugendliche aus 13 verschiedenen Grundschulen aufgenommen, Schulformwechsler aus den benachbarten Realschulen und Gymnasien. Sechzig Prozent der Schüler stammen aus nichtdeutschen Familien. Der einstige Diplomatenstadtteil ist heute erkennbar gespalten: Villengegend einerseits, Migrantenviertel andererseits. „Es ist die Welt, die ich früher nur aus dem Fernsehen kannte“, gesteht Weber.
Nah dran fühlt er sich trotzdem. Fellows können leicht die Lehrer alt aussehen lassen. Sie sind jünger, oft sportlicher und sprachlich näher an ihren Schülern. Zudem geben sie keine Noten. „Herr Weber ist ein cooler Typ, er ist jung und versteht uns deswegen besser als die Lehrer“, erzählen die Schüler der neunten Klasse. Einfacher wird seine Arbeit dadurch nicht: „Oft muss ich an die Grenzen meiner Persönlichkeit gehen“, verrät Weber. Ursula Arp, an der Johannes-Rau-Schule Lehrerin für Englisch, Deutsch und Geschichte, möchte jedoch keine Konkurrenz zwischen dem angestammten Personal und dem Neuen aufbauen. „Solche Fellows wie Weber haben einen anderen Blick auf die Schule“, sagt sie. Das sei eine gute Ergänzung.
Kritiker unterstellen, es gehe den Teach-First-Teilnehmern vor allem darum, die Top-Zeugnisse noch mit Sozialpunkten zu schmücken, der Brennpunkt als Farbklecks im Lebenslauf. Von „staatlich gesponsertem Sozialkompetenz-Training für angehende Manager“ schrieb Matthias Jähne, Hochschulreferent der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin, über Teach First in der Zeitschrift der Gewerkschaft. Florian Weber widerspricht. „Soziale Belange waren und sind für mich sehr wichtig“, sagt er in der Pause, während er seine selbst belegten Brötchen auspackt.
Die GEW moniert auch die Kosten. Etwa 1750 Euro brutto bekommen die Fellows im Monat aus den Etats, die die Länder für Vertretungslehrer bereithalten. Teach First wird von Unternehmen gesponsert und zahlt aus seinen Einnahmen die Ausbildung. Das Land Berlin kosten die Fellows etwa 1,8 Millionen Euro. „Angesichts der spärlichen Ausstattung der Berliner Schulen, des Mangels von Erziehern und Sozialarbeitern ist das eine fehlgeleitete Summe“, sagt Peter Sinram von der GEW Berlin. In einem Beschluss von Ende April forderte die Gewerkschaft die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung auf, den Vertrag zu kündigen. Im neuen Schuljahr werden wahrscheinlich nur noch zehn neue Fellows in der Hauptstadt arbeiten, zusätzlich zu den 26, die im vergangenen Jahr begannen.
Für Florian Weber bleibt die Rückkehr in die Schule wohl eine Episode. Schon jetzt nimmt er teil an einem Pilotprojekt zum Thema „Postmanagement“ der Deutschen Post, einem der Sponsoren von Teach First. Bevor er dort nach Gewinnmaximierung strebt, hat er sich an der Schule Verlustminimierung zum Ziel gesetzt: „Wenn mindestens einer von denen, die als schwer erziehbar gelten, den mittleren Schulabschluss schaffen würde, ist schon viel erreicht“, sagt Weber.
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Foto: Ronald Friese
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